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In der Zwischenzeit war Rea immer noch bei Jess. Ihr Zustand hatte sich nicht verändert. Sie war immer noch in tiefer Bewusstlosigkeit, und das machte ihn beinahe wahnsinnig. Er wusste nicht, wie lange sie das noch aushalten würde - sie hatte schon so viel hinter sich gebracht - und nun auch noch das! Er war fertig.
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Auch, wenn Rea es sich kaum vorstellen konnte, denn die vorherigen Stunden, ja, es waren bereits Stunden, die er an ihrem Bett saß, und darauf wartete, dass sich etwas änderte, waren schon schlimm genug gewesen..
Plötzlich registrierte er eine Veränderung an Jess' Zustand beziehungsweise auf ihren Anzeigentafeln. Er blickte auf, als er einen anderen Ton des Herzmessgeräts bemerkte - und ihre Atmung setzte wieder ein! Rea war so geistesgegenwärtig, ihr den Beatmungsschlauch aus dem Hals zu ziehen, so vorsichtig, wie er nur konnte. So etwas hatte er einmal in einem Kurs gelernt. Es war nötig, damit sie nicht erstickte - und noch waren keine Ärzte anwesend, also tat er es.
"Jess?" fragte er dann vorsichtig, doch zuerst geschah nichts. Er wollte schon wieder in sich zusammen fallen und erneut beten, als sich doch etwas tat - Jess bewegte sich. Sie öffnete die Augen, und Rea beugte sich zu ihr nach vorne. Er konnte es kaum fassen, sie war wach! - Doch dann begann Jess plötzlich, und völlig unerwartet, zu schreien. Sie hatte die Augen aufgerissen und blickte ihn panisch an. Rea wusste nicht, was er tun sollte. Er nahm sie in den Arm - zumindest versuchte er es - doch sie versteifte sich extrem. Ihr Zustand verschlechterte sich dramatisch. Ihr Schreien wurde zu einem schrillen Kreischen...
Im gleichen Augenblick kamen Ärzte angerannt und drückten Rea an die Wand. Ohne einen Ton kümmerten sie sich um Jess und beachteten ihn nicht weiter. Rea hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Was geschah hier? Er presste sich an die Wand und starrte zu Jess herüber, die einfach nicht zu beruhigen war. Trotz diverser Medikamente, die ihr nun eingeflößt wurden - doch durch das - immer noch - zu hohe Fieber und die Drogen, die immer noch in ihrem Blut waren, konnten sie ihr auch nicht zu viel davon geben. Das Kreischen hörte nicht auf, und Jess' Zustand verschlimmerte sich erneut - bis sie wieder in sich zusammen fiel. Rea konnte es sehen - und hören. Das schrille Kreischen erstarb mit einem Mal - und er sah wie sie wieder zusammen brach. Und dann hörte er ein Geräusch, dass er nicht hören wollte: Einen langen Ton - ihr Herzschlag hatte ausgesetzt. Die Ärzte begannen sofort mit der Reanimation - und Rea sackte an der Wand zusammen...
Einige Minuten zuvor war Jess aus einer tiefen Dunkelheit hervor gekrochen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und zuerst konnte sie auch nichts wirklich sehen und realisieren. Dann hörte sie eine Stimme, die ihren Namen rief - doch sie erkannte die Stimme nicht. Doch plötzlich, wie aus heiterem Himmel, "sah" sie eine Person vor sich; einen Mann, um genau zu sein. Er war es wohl gewesen, der ihren Namen gerufen hatte - und die Stimme war dunkel und bedrohlich gewesen... Und der Mann... Jess begann zu schreien - es war ER! ER war wieder da! ER war da um ihr Gewalt anzutun - und ER drang erneut in sie ein... Jess hatte ein erneuter Flashback in seiner Gewalt. Sie registrierte Rea nicht, der in Wirklichkeit vor ihr stand und sich zu ihr herunter gebeugt hatte, als er bemerkte, dass sie wach wurde. Sie hörte seine Stimme, als er ihren Namen rief - aber sie erkannte ihn nicht. Sie blickte in das Gesicht ihres Peinigers, und dann verwandelte ER sich - ER wurde von ihrem Stiefvater - der es ja gar nicht mehr sein konnte, da dieser ja tot war, doch das konnte ihr mit Drogen zugeschüttetes Gehirn ihr nicht mehr klar machen - zu Rick, der sie ebenfalls nahm und nebenbei mit Messerstichen traktierte. Jess' Schreien wurde zu Kreischen. Dann geschah es wieder - sie hielt die Schmerzen nicht mehr aus, und versank erneut in Dunkelheit - und dieses Mal für lange Zeit. Zudem versagte ihr Körper ihr den Dienst...
Rea war auf den Boden gesackt und starrte immer noch auf das Geschehen vor sich. Er wähnte sich in einem Alptraum. Was war hier los, um Himmels Willen? Er sah, wie die Ärzte an Jess' Bett standen, ihr Herz reanimierten, und ihr einen Beatmungsschlauch in den Mund legten. Rea keuchte. Das durfte nicht wahr sein! Sie durfte nicht sterben! Vor allem verstand er gar nichts! Was war nur geschehen, um Himmels Willen? Sie war aufgewacht - und dann? Dann hatte sie ihn gesehen - und danach kam DIESE Reaktion? Was hatte sie "gesehen" - WEN hatte sie "gesehen"? Rea wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Die Ärzte kamen nun mit einem Schockgerät - und er musste sich beherrschen, nicht selbst zu schreien. Wieder sank er in sich und betete. Er betete für Jess - und auch für Lia, denn durch den gerade erlebten Schock hatte er sie zwar kurzfristig einmal aus seinen Gedanken verbannt, aber selbstverständlich nicht vergessen. Wo war sie nur? Lebte sie noch? Sie musste! Und Jess musste auch überleben! Keine von ihnen durfte sterben!!
Dann spürte er, wie er an der Schulter gerüttelt wurde. "Mr. Garvey?" fragte ihn eine Männerstimme. Er blickte langsam auf. Ein Arzt stand vor ihm. "Was ist mir ihr? Ist sie...?" Er wagte nicht, das Wort auszusprechen, was ihm auf den Lippen lag. Der Arzt schüttelte den Kopf. "Nein, wir haben es noch einmal geschafft, sie wiederzubeleben, zumindest ihr Herz... Aber sie muss erneut künstlich beatmet werden und ist erneut in einem komatösen Zustand gefallen, der sogar noch tiefer zu sein scheint, als der vorige... Ich möchte Sie jetzt erst einmal bitten, das Zimmer zu verlassen - und mit Ihnen reden." Er zeigte auf die Tür, und Rea blickte noch einmal zurück zu Jess. Sie wurde noch von den anderen Ärzten versorgt, doch er hörte wieder das stetige "Piepen" des Herzmonitors. Dann nickte er und folgte dem Arzt, der bereits auf den Gang getreten war. Als er ebenfalls draußen war, fragte ihn dieser: "Was war das gerade? Wieso hat sie so auf Sie reagiert? Können Sie mir das sagen?" Rea schüttelte den Kopf. Er wusste es doch auch nicht... "No.. She saw me.. Sie hat mick gesehen... Dann hat sie so ein Reaktion gezeigt.. Ich weiß nicht..." Er sackte erneut in sich zusammen. Der Arzt blickte ihn an, dann sagte er: "Okay... Bitte bleiben Sie vorerst einmal hier. Die Ärzte brauchen noch einige Zeit um die Medikation einzustellen.. Aber ich sage es Ihnen direkt und ohne Umschweife: Es sieht noch schlimmer aus als vorher. Wir haben es ohnehin noch nicht geschafft, ihre Drogen vollständig aus dem Körper zu bekommen, das Fieber ist auch nicht gesunken - neue Medikamente sind beinahe unmöglich.. Und jetzt auch noch Herz- und Atemstillstand, vermutlich durch einen Schock, ausgelöst wodurch auch immer.. Ich denke, ihre Überlebenschancen sind gering. Tut mir sehr leid.."
Mit diesen Worten ließ er Rea einfach so stehen und ging erneut in ihr Zimmer. Rea starrte ihm hinterher, und konnte sich nicht rühren - bis er eine Hand auf seiner Schulter spürte, und eine Stimme hörte, die ihm bekannt vorkam und seinen Namen rief - er drehte sich um und seine Augen wurden groß, als er sah, wer da vor ihm stand. "DU?" fragte er, sichtlich überrascht. "Was mackst du here?"...
Der Angesprochene lächelte. "Ich bin hier, um einem Freund beizustehen. Und was machst du hier? Man sagte mir, Jess wäre in diesem Zimmer - und du wärst bei ihr?"
Rea blickte Alec an, der ziemlich unerwartet vor ihm stand. Wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er meinen, ER hätte jetzt die Halluzinationen... Dann riss er sich zusammen und fragte ihn: "Warum bist du nickt bei den Girls? Sind sie auch here?" Alec schüttelte den Kopf: "Nein! Natürlich nicht. Das wäre zuviel für sie, besonders für Dana. Sascha ist bei ihnen und er bleibt auch dort. Aber ich habe entschieden, zu dir zu kommen, um dir beizustehen. Du bist mein Freund, Rea - und Freunde lassen sich nicht im Stich! Wie ich sehe, hast du es auch gerade nötig.. Was ist passiert, warum bist du nicht bei Jess?" Besorgnis sprach aus seiner Stimme. Und er sollte Recht behalten. Was Rea jetzt sagte, ließ auch ihn erstarren. "She had something like a shock! I don't know... Sie ist vor einige Minuten wach geworden! I saw it! She was awake - but then... Ick hab versucht, sie anzusprechen.. Und ich war die Meinung, sie hat mich geseh'n.. Doch dann hat sie angefangen zu schrein - zu kreischen... Es war grauenfull... Und dann.. Than she had a breakdown again... Und nich nur das - ihr Herzschlag hat ausgesetzt... No pulse - no breath - for a few minutes..." Man konnte erkennen, wie schwer es Rea fiel, weiter zu reden. Alec hatte stillschweigend zugehört, doch auch ihm konnte man ansehen, wie sich seine Gesichtszüge verhärteten. "Ist sie..." fragte er, beinahe genauso darauf bedacht, das Wort "tot" nicht auszusprechen, wie Rea zuvor auch. "NO - die Arzte brought her back! Aber now sie is in Koma... Und eine der Arzte haben mich here und gerade gesagt, dass sie ihr keine großen Chance geben... I think she will die.."
Alec schluckte und umarmte Rea ohne große Worte. Es war schlimmer als er befürchtet hatte. Nachdem was er gehört hatte, wusste er ja bereits, dass es übel aussehen würde - aber DAS... Ja, Rea brauchte seine Unterstützung. Und ihm fiel auch noch ein, dass er ihn fragen wollte, was mit Lia war... Gerade als er dies tun wollte, kam etwas erneut völlig Unerwartets über beide herein. Sie hörten Schritte auf sie zukommen und dann hörten sie einen Mann, der ebenfalls Reas Namen rief. Dieses Mal horchten beide auf, und sahen den Kommissar, Herrn Schmidt, der auf sie zueilte. Bei Rea stellten sich die Nackenhaare auf. Es konnte nur eines bedeuten, wenn der Kommissar zu ihm hierher kam...
Und er sollte Recht behalten. Einige Sekunden zuvor hatten die Sanitäter Lia herein gebracht, allerdings auf einem anderen Gang, so dass Rea nichts davon mitbekommen hatte. Der deutsche Kommissar war kurze Zeit nach der Benachrichtigung durch den russischen Kollegen ebenfalls zu ihnen aufgebrochen und war danach ins Krankenhaus gefahren. Dort hatte er sich sagen lassen, wo Rea sich aufhielt - und er wusste auch über das Dilemma mit Jess bescheid. Es war grauenhaft und es schnürte ihm nun die Kehle zu, wenn er daran dachte, Rea jetzt von Lia zu erzählen. Doch er wusste, dass sie es tun mussten! Und er wollte es sein, der ihm die Mitteilung überbrachte. Laut seines Wissens sah der Zustand dieser jungen Frau auch sehr übel aus, und wenn jetzt beide.. Doch vorerst musste er die Gedanken hinter sich lassen und sich auf seine jetzige Aufgabe konzentrieren.
Dann war es soweit. Er war bei Rea angekommen und sah in dessen entgeistertes Gesicht. Er konnte auch dessen Freund Alec von Boss-Hoss erkennen, was ihn ein wenig wunderte, denn er konnte sich erinnern, dass dieser nicht mitgefahren war, als er Rea vom Krankenhaus in Deutschland abgeholt hatte... Doch das war nun auch egal. Er wusste, was Rea ihn fragen würde, und prompt folgte diese auch: "Haben Sie Lia gefunden?" Er nickte - und sowohl Rea als auch Alec stockte der Atem. Die zweite Frage folgte auch prompt: "Lebt sie? Is she alive??" Man konnte die Aufregung in Reas Stimme erkennen, und Alec trat noch näher an seinen Freund heran. Beide sahen in das beinahe blasse Gesicht des Kommissars und ihre Angst spiegelte sich in ihren Augen wieder. Besonders in Reas.
Dieser sah mit Erleichterung, wie der Kommissar nickte, doch dann ließen ihn seine Worte wieder erstarren: "Sie lebt.. Aber es sieht wohl ebenfalls nicht gut aus.. Sie ist in einem anderen Trakt. Wenn Sie wollen, dann führe ich Sie dorthin, natürlich habe nicht ich die Befugnis, Ihnen näheres über den Zustand der jungen Frau zu erzählen. Das müssen die Ärzte tun. Ich weiß nicht, ob Sie Jess hier alleine lassen wollen..." Weiter kam er nicht, denn Alec antwortete an Reas Stelle: "Sicher wird er gehen! Ich bleibe hier, falls Jess wieder Besuch empfangen kann, geh nur!" Rea blickte ihn dankbar an. Er wusste, dass Jess jetzt ohnehin momentan keinen Besuch empfangen durfte - doch wenn es wieder so weit war, würde Alec ihr beistehen. Und er später auch wieder - doch jetzt musste er einfach zu Lia! Er nickte und so führte der Kommissar ihn wortlos in einen benachbarten Gang, in dem ein Schockraum war - und in diesem befand sich Lia. Rea schluckte. Er musste wohl über übel noch draußen warten, bis ihm die Ärzte auch über Lias Zustand aufklärten. Der Kommissar konnte - oder wollte, beziehungsweise durfte - nichts genaueres sagen. Und es zermürbte Rea innerlich.
Jess war im Koma - durch einen Schock, den er sich nicht erklären konnte - und Lia war gefunden worden, doch er konnte sich denken, dass sie, auch wenn sie lebte, vermutlich ebenfalls schwer verwundet und vor allem gezeichnet war.. Doch er wollte sie sehen, JETZT und HIER! Am liebsten SOFORT! Und das Warten machte ihn mürbe. Wie lange würde es dauern, bis die Ärzte endlich zu ihm kamen und ihm erzählten, wie es um Lia stand? Gab es denn nicht wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer am Firmament? Aber das hatte er kurzfristig bei Jess auch geglaubt.. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten...

