Operation(en)
Es war einige Zeit vergangen, seitdem Jess bei Lia gewesen war, und die beiden sich ausgesprochen hatten. Seitdem war Jess noch einige Male zu Besuch gekommen, und die Beziehung der beiden wurde dadurch wieder fester. Rea war froh darüber. Er hatte auch nicht mehr nachgefragt, im Grunde war auch ihm klar geworden, dass es eine Sache zwischen Jess und Lia war, und er wollte auch nicht unbedingt in alten Wunden herumwühlen.
Nun stand eine Sache kurz bevor, die alle herbeisehnten: Der Operationstermin von Jess und Lia.
Der besagte Tag war angebrochen. Jess hatte die ganze Nacht kaum schlafen können, und sie war froh darüber, dass sie seit einigen Nächten wieder mit Dana zusammen im großen Schlafzimmer eingezogen war. Ihre Freundinnen bemerkten ihre Aufregung, und Jess teilte Dana ihre Gefühle, die sie, bezüglich der Operation, hatte mit. Natürlich freute sie sich in erster Linie darauf, und konnte es kaum erwarten, endlich die Narben loszuwerden, die sie immer noch verzweifeln ließen, wenn sie diese auch nur ansah. Zumal es immer noch passierte, dass sie dabei - leichtere - Flashbacks bekam.
Dennoch hatte sie auch Angst. Sie wusste noch nicht viel über die Art der Behandlung. Es schien ein neuartiges Verfahren zu sein, und es sollte ziemlich schnell auch harte Narben heilen. Doch was genau dies bedeutete, wusste sie noch nicht. Würde es weh tun? Einerseits musste sie zwar selbst über diese Befürchtung lachen, in Anbetracht der Tatsache, was sie und Lia alles hinter sich hatten, und was sicherlich durch NICHTS zu überbieten war, andererseits konnte sie sich aber auch nicht vor diesen Gedanken schützen.
Dana hatte sie in den Arm genommen, als sie diese Gedanken angesprochen hatte. Sie hatte sie getröstet, und sie daran erinnert, sich vor Augen zu halten, wie schön es sein würde, wenn die Behandlung vorbei sein würde, und alle Narben fort wären. Und damit auch diese furchtbare Zeit endlich hinter ihr läge. Jess dachte zwar nicht, dass es wirklich so einfach sein würde, und das Grauen zu vergessen schien ihr unmöglich, dennoch hatte sie gelächelt und war eingeschlafen.
Dann war der nächste Morgen angebrochen. Tag X war da, und Jess war schon sehr früh wach geworden. Früher als es nötig gewesen wäre. Dadurch wurden natürlich auch Dana und Steffi wach, und die drei setzten sich an den Tisch, genehmigten sich ein ausgiebigeres Frühstück, und unterhielten sich. Zuerst hatte Jess gar keinen Hunger, aber Steffi drängte sie regelrecht dazu, etwas zu essen: "Du kannst nicht völlig nüchtern dorthin gehen! Außerdem ist noch massig Zeit, bis Rea dich abholt!".
Jess blickte auf die Uhr. Steffi hatte Recht. Es waren noch einige Stunden hin; zuerst würde Rea sie abholen, dann würden er und sie zu Lia in die Klinik fahren, um diese ebenfalls zu holen. Sie hatte sowohl für diesen, als auch für die kommenden Termine, die auch schon feststanden, jeweils eine Genehmigung, die Klinik zu verlassen. Da sie unter Reas Beobachtung stand, wurde dies erlaubt. Rea hatte eine Versicherung unterschreiben müssen, dass er für alles, Lia betreffend, verantwortlich gemacht wurde. Aber Jess war fest davon überzeugt, dass Lia keinerlei Dummheiten begehen würde. Sie war jetzt schon um einiges reifer geworden, das hatte sie, in den paar Besuchen, durchaus bemerkt. Und auch für sie würde es eine Wohltat sein, diesen Scheiß endlich los zu sein. Jess fröstelte, als sie daran dachte, was dieser Bastard ihr auf den Arm "tätowiert" hatte...
Dana und Steffi hatten ihr Frösteln durchaus bemerkt: "Alles in Ordnung, Jess?" fragte Steffi auch schon. Auch Dana blickte sie besorgt an. Jess nickte nur, und seufzte innerlich. Es würde wohl nie aufhören, dass sich ihre Freundinnen und Rea um sie sorgten... Glücklicherweise fragten die beiden auch nicht weiter, Dana legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: "Das wird schon, du wirst sehen, ist alles halb so schlimm! Und heute Abend machen wir 'ne Sause hier", sie lächelte und Jess lächelte zurück. Sie konnte nicht anders.
Nach dem Frühstück hatten sich alle drei zurechtgemacht, und schließlich war der Moment gekommen, auf den sie im Grunde alle gewartet hatten: Rea klingelte. Jess stand beinahe schon fertig an der Tür, sie hatte ihn kommen sehen, und zog sich nur noch die Jacke an, dann öffnete sie die Tür. "Bin soweit, wir können starten", dann drehte sie sich noch einmal zu ihren beiden Freundinnen um und winkte, bevor sie mit Rea zusammen zu seinem Auto lief. Rea hatte sie zuerst nur beobachtet, als sie in seinem Wagen saßen, und er den Motor anspringen ließ, drehte er sich kurz noch einmal zu ihr um: "Alles okay, Jess? Wie fuhlst du dich?" Jess war beinahe klar, dass auch er es fragen würde. War ja schon so eine Art "Ritual", wenn sie sich sahen. Und im Gegensatz zu Lia war sie mittlerweile relativ aufgeschlossen. "Es geht schon. Ein wenig aufgeregt, aber daran kannst du auch nichts mehr ändern... Das wird schon. Fahr jetzt lieber los, wir müssen ja noch Lia abholen, und ich will nicht zu spät kommen..." Rea blickte sie an, und in seinem Gesicht konnte sie wieder einmal leichte Sorge ablesen. Sie seufzte leise, daran konnte sie nichts ändern. Natürlich kreisten ihre Gedanken darüber, wie der Tag heute ablaufen würde, was genau jetzt geschehen würde; und, was noch dazu kam: Sie und Lia würden die Zeit über zusammen sein. Sie hatten sich zwar einige Male für eine gewisse Zeit lang gesehen, aber unter diesen Umständen? Hoffentlich ging da alles gut. Zumal sie ja auch nicht wusste, wie Lia heute "drauf" war. War sie genauso aufgeregt wie sie? Oder anders? Oder machte ihr das ganze überhaupt nicht zu schaffen? Sie hatte einmal bei einem ihrer Besuche versucht, mit Lia über dieses Thema zu sprechen, doch diese hatte abgeblockt. Weshalb auch immer, sie wollte nicht darüber reden, und Jess hatte es akzeptiert. Dennoch hatte sie überlegt, weshalb. Ging das ganze wirklich spurlos an Lia vorbei? Sie würde so gerne mit ihrer ehemaligen Leidensgenossin darüber reden - doch sie hatte aus ihren Fehlern der Vergangenheit gelernt. Lia zuviel zu fragen, konnte daneben gehen...
Schließlich waren sie an der Klinik angekommen, und beide liefen schweigend zum Empfang. Auch Rea war mittlerweile eine gewisse Anspannung anzumerken. Ob es ebenfalls an dem lag, was jetzt bald auf sie und Lia zukommen sollte, oder ob es jetzt und hier an Lias Abholung lag, konnte Jess nicht sagen, dennoch machte es auch sie etwas nervös. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Dann waren sie am Empfang angekommen. Die Mitarbeiterin wusste bereits bescheid, und ließ sie eintreten, bat sie jedoch noch um einen kleinen Augenblick Geduld. Rea und Jess setzten sich auf eine Bank, im Eingangsbereich, und warteten, mehr oder weniger geduldig, bis schließlich Lia, von einem Mitarbeiter der Klinik, zu ihnen gebracht wurde ...
(evtl. Lias Sicht?)
Rea nahm diese in Empfang, und sie liefen, zuerst schweigend, zu Reas Auto. Zwischen Rea und dem Leiter der Klinik war nichts mehr besprochen worden, die Formalitäten standen fest. Er war für Lia verantwortlich, und würde zur Rechenschaft gezogen werden, sollte er sie nicht ordnungsgemäß wieder abliefern. Rea wusste, was das theoretisch bedeutete, doch er ging davon aus, dass dies nicht geschehen würde. Lia wusste ebenfalls, was dies für ihn bedeuten würde, und das würde sie ihm niemals antun.
Die drei waren bei Reas Auto angekommen, und Jess setzte sich freiwillig, und immer noch schweigend, auf die Rückbank. Lia nahm vorne neben Rea auf dem Beifahrersitz platz, und sie fuhren los.
Irgendwie empfand Jess das Schweigen als unangenehm, und sie ahnte, dass es zumindest Rea ebenso erging. Wie Lia sich fühlte, konnte sie - mal wieder - schwer einschätzen. Aber sie traute sich auch irgendwie nicht zu fragen. Dennoch hoffte sie, dass wenigstens einer von beiden, vielleicht Rea, etwas sagen würde, um die Stille zu durchbrechen, und die Luft etwas dünner werden zu lassen. Sie zumindest drohte beinahe zu ersticken...
Schließlich war es tatsächlich Rea, der genau dies tat. Er fragte, an beide gewandt: "Hey Girls, alles okay bei euch? Wie geht's euch beiden?" Er wusste schon, weshalb er sie beide ansprach. Lia schwieg zuerst, deswegen antwortete Jess, beinahe erleichtert: "Noch ganz gut... Bisschen aufgeregt, aber geht schon. Und du, Lia; wie fühlst du dich?" Sie blickte Lia an, und sie ahnte, dass auch Rea sie - so gut es ihm während der Fahrt möglich war - im Blick behielt. Sie saß ja direkt neben ihm. Nach einigen weiteren Sekunden des Schweigens antwortete Lia schließlich: (xxx)
Dann waren sie an der Klinik angekommen. Alle drei stiegen aus und liefen - wieder schweigend - darauf zu. Es war ein großer, ziemlich steril wirkender Gebäudekomplex, der aus mehreren Gebäuden bestand. Auf dem in der Mitte prankte in riesigen Lettern das Wort: "ANMELDUNG".
Rea und die beiden jungen Frauen liefen dorthin und Rea wies sich aus. Nachdem er sein Anliegen vorgetragen hatte, zeigte ihnen die Mitarbeiterin, wo sie hinzugehen hatten, und bat darum, sich in den Wartesaal zu setzen und auf den zuständigen Chirurgen zu warten. Dieser würde ihnen noch alle notwendigen Informationen geben, soweit sie diese nicht schon erhalten hatten, und es mussten wohl noch ein paar Voruntersuchungen bei beiden Frauen gemacht werden.
Langsam stieg Jess' Aufregung an. Was waren denn das für "Voruntersuchungen"? Hatte man ihnen vorher davon etwas gesagt? Sie konnte sich ehrlich gesagt an gar nichts mehr erinnern...
Auch Lia und Rea war die Anspannung deutlich anzusehen. Jess wünschte sich, die ganze Sache läge bereits hinter ihr. Langsam bekam sie Bauchschmerzen.
Dann kam ein Arzt und bat sie in sein Besprechungszimmer. Alle drei folgten ihm, und der Arzt, der "Dr. Neuer" hieß, bat sie, sich zu setzen. Als sie seiner Aufforderung Folge geleistet hatten, begann dieser zu sprechen: "Also, zuerst einmal: Das hier ist eine formelle Vorbesprechung. Ich werde Ihnen noch einmal in Kürze alles erklären, was nun auf Sie zukommt. Vor der eigentlichen Behandlung müssen wir bei Ihnen beiden noch einmal die Werte messen: in erster Linie Blutdruck, Puls, etc (und andere Schnelltests). Diese Werte müssen in Ordnung sein, damit wir die Operation durchführen können.
Dann zur Operation selbst: Wir sind auf dem Gebiet der Narbenentfernung die beste Societät. Und wir haben ein völlig neuartiges Verfahren entwickelt, um es schnell, und gleichzeitig effektiv durchzuführen. Es handelt sich um Laserpunkturverfahren. Ja, das gibt es sicher auch in anderen Kliniken, aber bei uns wurde es perfektioniert. Ich will Ihnen nichts vormachen: Uns wurden Ihre Krankenakten zur Einsicht überwiesen - und es sieht wirklich übel aus. Die Schnitte sind tief. Bei Ihnen beiden. Von daher kann ich Ihnen jetzt schon sagen, dass es mit einem Eingriff nicht getan sein wird; aber das wissen Sie sicherlich schon." Er wartete eine Antwort gar nicht ab, sondern redete weiter: "Dennoch kann ich eines versprechen: Wir werden so arbeiten, dass bereits nach dem ersten Eingriff ein deutlich sichtbares Ergebnis zu sehen sein wird. Beziehungsweise nicht mehr zu sehen sein wird." Er lachte über seinen eigenen "Scherz", den wohl nur er selbst wirklich verstanden hatte. Rea und die Mädels lachten nicht. Sie warteten darauf, dass er weiter redete. Das tat dieser dann auch: "Also, wie gesagt, nach dem ersten, heutigen, Eingriff werden noch mindestens zwei weitere folgen. Die genauen Termine stehen ja auch schon fest. Danach wird eine Untersuchung bei Ihnen gemacht, die dazu dienen soll, zu sehen, ob es noch eine weitere Operation bedurft, oder ob diese dann ausreichend sind. Aber ich denke, drei Gesamtoperationen sollten eigentlich reichen. Und, um es noch einmal deutlich zu sagen: vermutlich wird auch nach diesen drei Operationen ein kleiner Rest übrig bleiben - der aber, das kann ich auch versprechen, mit einer Spezialcreme, die wir ebenfalls vorrätig haben, ganz fortzubekommen ist. Sie werden definitiv in Zukunft narbenfrei sein! So, und nun möchte ich Sie bitten, hier noch etwas zu unterschreiben - einen Haftungsausschluss; keine Angst, das ist lediglich Routine, und danach zeige ich Ihnen die Räumlichkeiten für die Voruntersuchungen." Es schien, als hätte er seinen Monolog beendet.
Rea sah ihn an. So deutlich und in aller Ausführlichkeit hatte auch ihm noch keiner den Vorgang hier erklärt. Der Arzt in der vorigen Klinik hatte ihm zwar auch gesagt, dass diese hier ein Novum bezüglich der Narbenentfernung war, mit einer neuartigen Behandlungsmethode - aber in dem Ausmaß war es ihm nicht erklärt worden. Und einiges von dem, was dieser Arzt ihnen hier jetzt offenbart hatte, gefiel ihm nur mäßig. Vor allem der Punkt mit dem "Haftungsausschluss". Er fragte nach: "Wait! Was soll das heißen, die beiden mussen eine "Haftungsausschluss" unterschreiben? What do you mean with it?"
Der Arzt sah sie an: "Nun, wie Sie sicherlich auch wissen, gibt es bei jeder Operation Risiken. Auch, wenn diese hier bei uns von allen Arten die Sicherste, und Leichteste ist, ist auch hier ein Risiko nicht ausgeschlossen. Wir arbeiten per Lasertherapie. Da kann die Haut natürlich leiden. Normalerweise geschieht dies hier äußerst selten. Aber unmöglich ist es nicht. Und um der Gefahr zu entgehen, hinterher eine Anklage an den Hals zu bekommen - immerhin sind wir hier eine Privatklinik, wie Sie ja sicherlich auch wissen - müssen wir uns natürlich absichern. Aber das wird überall so gemacht. Selbst in staatlichen Krankenhäusern." Dann wandte er sich wieder Jess und Lia zu: "Also, unterschreiben Sie bitte hier."
Rea war wütend, das sah man ihm an. Von dieser Sache hatte ihm niemand vorab etwas erzählt, und wann hatte der Arzt hier etwas von den Risiken erwähnt? Eben bei seinem Lobgesang auf die Praxis und die Art der Behandlung definitiv nicht! Und wenn er nicht nachgefragt hätte, hätte er es vermutlich auch garnicht getan. Er wollte gerade etwas einwenden, als Jess ihn davon abhielt. Sie hatte durchaus bemerkt, wie es in ihm brodelte... "Schon gut, Rea. Ich unterschreibe das Teil. Schlimmer als jetzt kann es gar nicht mehr werden - selbst wenn etwas passieren sollte. Was ich nicht hoffen will..." "Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas nicht nach unseren Vorstellungen läuft, ist äußerst gering", fiel der Chefarzt ihr beinahe ins Wort. Jess blickte ihn kurz an, dann nahm sie schweigend das Blatt Papier und setzte ihre Unterschrift darauf; sie konnte es ohnehin nicht ändern. Wenn sie es nicht unterschrieb, würde sie nicht operiert werden. Also, was hatte sie für eine Chance?
Lia dachte wohl genauso, auch sie hatte schweigend das Papier in die Hand genommen und es unterschrieben. Ob sie es vorab durchgelesen hatte, wusste Jess nicht. Jetzt war es besiegelt. Ihr Schicksal lag in den Händen der Chirurgen, die sie nun behandeln würden. Ein wenig klamm wurde Jess nun schon.
Der Chefarzt nahm das Papier in die Hand, legte es zur Seite, und bat sie, mit ihm zu kommen. Er zeigte in zwei nebeneinander liegende Behandlungsräume und sagte, an Jess und Lia gewandt: "Gehen Sie bitte dort hinein, wer von Ihnen in welches Zimmer gehen möchte, ist Ihnen überlassen. Dort werden jetzt die Voruntersuchungen an Ihnen vorgenommen. Sofern diese in Ordnung sind, wird eine Mitarbeiterin Sie in den Operationstrakt begleiten, und dort werden meine Kollegen Sie in Empfang nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit ausfallen wird, und wünsche Ihnen alles Gute", damit machte er sich auf den Weg. Vermutlich zum nächsten Patienten.
Jess blickte sich um. Es waren zwei Räume, einer war für sie bestimmt, einer für Lia.
Rea setzte sich auf einen der Stühle, die vor den Räumen standen und sagte, an beide gewandt: "I wait for you here. Till then", er lächelte. Es sollte aufmunternd wirken.
Lia machte sich bereits auf den Weg in den ersten Behandlungsraum, nach einigen Sekunden folgte Jess in den zweiten. Sie wurde begrüßt, und gebeten, sich auf eine Liege zu setzen und den Arm zu heben. Die Schwester, die hier noch für sie zuständig war, maß ihren Blutdruck und ihren Puls, wie es der Chefarzt gesagt hatte, und ihr wurde noch ein Fiebermessgerät ins Ohr gehalten. Die ganzen weiteren Untersuchungen ließ Jess ruhig über sich ergehen. Sie waren nichts, im Vergleich zu allem, was sie bereits hinter sich hatte, auch bestimmte Untersuchungen betreffend.
Dann war sie fertig, und blickte die Schwester an. "Und? Wie sind meine Werte, Doktor?" Es sollte ein Witz sein, sie wusste, dass die Frau vor ihr kein Arzt war. Aber diese schien nicht wirklich zu Scherzen aufgelegt zu sein. Sie antworte: "Ich bin kein Arzt. Aber Ihre Werte sind soweit in Ordnung. Etwas erhöhter Pulsschlag, aber ich denke, dass ist der Aufregung momentan zu "verdanken". Fieber haben Sie keins, und auch sonst ist alles in Ordnung. Sie können jetzt gehen und sich draußen in den Wartebereich setzen. Sie werden nachher abgeholt und in den Operationstrakt geführt. Alles Gute!" Mit diesen Worten schob die Schwester Jess geradezu heraus. Besonders freundlich war das jetzt nicht gerade, dachte Jess nur, doch sie fügte sich und ging aus dem Zimmer, um sich neben Rea zu setzen, der draußen auf sie und Lia wartete. Von Lia war noch nichts zu sehen. 'Hoffentlich ist alles in Ordnung', dachte Jess. Rea fragte sie natürlich, ob alles okay wäre, und Jess hob den Daumen. Irgendwie wuchs ihre Anspannung, je näher es dem Termin kamen. Sie verspürte jedenfalls keinen Drang, großartig zu reden.
Rea merkte dies durchaus, und ließ sie in Ruhe. Dann kam Lia heraus, und auch sie war schweigsam. Allerdings war dies bei ihr jetzt weniger ungewöhnlich. Auch sie bejahte kurz die Frage Reas, ob alles in Ordnung war, und dann mussten sie alle drei darauf warten, dass jemand sie in einen anderen Trakt führte. Den Trakt, in dem die Operation stattfinden würde.
Und dann war es soweit. Der Mitarbeiter kam, und sie gingen alle drei schweigend mit. Jess spürte ihr Herz klopfen. Es schien beinahe ihren Brustkorb zu sprengen - wenn sie eben schon leicht erhöhten Puls hatte, wie sah es wohl jetzt aus? Sie wusste, dass es vermutlich überhaupt keinen Grund dafür gab, so eine Angst zu haben, zumal danach alles besser sein würde, hoffentlich, aber irgendwie kam da immer wieder dieser leichte Zweifel durch. Sie dachte an die Worte des Arztes, der sie vorhin aufgeklärt hatte. Das Blatt Papier, was sie unterschreiben mussten: Den Haftungsausschluss, falls etwas schiefgehen würde. Doch was sollte schiefgehen? Und selbst wenn, schlimmer als jetzt konnte es doch gar nicht mehr werden, oder? Wie sollte es schlimmer aussehen, als jetzt? Das einzige was passieren könnte, wäre, dass es nicht half, und es hinterher genauso aussah. Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann waren sie schließlich angekommen. Jess hatte es nicht einmal wirklich gemerkt. Sie wurden von dem Mitarbeiter bis zu einer Tür gebracht, vor der "CHIRURGIE" stand, dann verabschiedete dieser sich, und sie mussten wieder warten, bis sie schließlich von den behandelnden Chirurgen angewiesen wurden. Rea blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Er konnte nicht mit in die Chirurgie selbst. Lia und Jess wurden in ein Vorzimmer gebeten, dann wurden sie erneut getrennt. Jetzt ging es los ...
Jess' Herz klopfte noch lauter, als sie schließlich in das Behandlungszimmer kam. Die Chirurgen baten sie auf die Liege, und Jess legte sich darauf. Dann wurden ihre Ärmel nach oben geschoben. Sie wollte es eigentlich nicht, aber sie konnte nicht umhin, dass ihr Blick auf ihre Unterarme fiel, die immer noch mit Narben bedeckt waren. Tränen traten ihr in die Augen, auch, wenn sie es versuchte zu unterdrücken. Einer der Ärzte fragte sie: "Ist alles in Ordnung? Sie müssen etwas ruhiger werden. Ihr Puls ist zu hoch... Sollen wir Ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel spritzen? Eigentlich ist das nicht nötig, der Eingriff wird kaum, oder nur leicht wehtun - aber wenn Sie das wollen, oder meinen, es könnte Ihnen helfen, dann tun wir das gerne."
Jess blickte den Arzt an, und schüttelte den Kopf. Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann antwortete sie: "Schon gut. Fangen Sie an, ich schaff das schon. Ich hab schon schlimmere Schmerzen ausgehalten, schätze ich..." Der Arzt blickte sie an, sah dann ebenfalls auf ihre Narben, und es schien beinahe so, als wollte er ihr zustimmen; doch der andere Chirurg räusperte sich, und dieser blieb stumm. Dennoch ahnte Jess, was er hatte sagen wollen.
Wenige Sekunden später begann die Operation. Jess hatte aus den Augenwinkeln bemerkt, dass einer der Ärzte einen großen Laser in die Hand genommen hatte, und ihren rechten Arm griff. Sein Griff war fest, was Jess schon als ein wenig unangenehm betrachtete. Zugleich geschah das gleiche mit dem anderen Arm, der von dem zweiten Arzt behandelt wurde. Beide zogen die Arme so lang es ging, in eine beinahe gerade Linie; dann spürte sie schwache bis mittelschwere kleine "Stiche" in ihren Armen. Jess ging davon aus, dass es die Laser waren, die beinahe gleichzeitig in ihre Haut stachen. Sie schloss die Augen. Vielleicht hätte sie zuschauen können, aber sie wollte es nicht. Das Ergebnis würde sie schon früh genug mitbekommen - und solange wollte sie die Narben nicht mehr sehen. Oder wie sich ihre Haut "dank" der Behandlung eventuell veränderte...
Die Behandlung dauerte lange. Länger, als Jess es sich vorgestellt hatte. Aber eventuell kam es ihr nur so vor? Sie spürte die "Stiche" schon, und ab und an musste sie tatsächlich auch die Zähne zusammen beißen, weil wohl mal ein etwas tieferer Laserpoint in sie eingeführt wurde. Außerdem merkte sie, dass die Haut an beiden Armen heiß wurde. Die Ärzte drückten das Gerät tief in ihre Haut, und sie bewegten es auch hin- und her. Doch sie hielt tapfer durch. Auch, was ihr Vorhaben anging, die Augen nicht zu öffnen. Sie wollte nicht sehen, ob sich die Narben eventuell gar nicht veränderten, oder ob sie blutete, ob ihre Haut sich rötete... Das alles würde sie noch früh genug mitbekommen. Ähnlich wie damals, als sie diese verdammte Scheiße überhaupt erst bekommen hatte - durch IHN - ließ sie es einfach über sich ergehen. Dieses Mal mit dem Unterschied, dass sie nicht ohnmächtig wurde, und der Hoffnung, dass es hinterher anders aussehen würde.
Schließlich war es beendet. Wie lange es im Grunde wirklich gedauert hatte, wusste Jess nicht. Sie spürte, wie die Ärzte beinahe gleichzeitig ihre Lasergeräte von ihren Armen entfernten, und diese losließen. Dann fühlte sie, dass etwas Kühles ihre Arme streifte, es machte den Eindruck, als ob sie mit einem Handtuch, oder ähnlichem, abgewischt würde. Jetzt öffnete sie doch die Augen. Die Ärzte sahen sie an: "Sie sind soweit fertig. Erschrecken Sie bitte nicht, der Anblick ist vielleicht zu Beginn noch etwas befremlich; aber das liegt nur an der Behandlung durch den Laser. Die Rötung der Haut wird bald wieder verschwinden. In ein paar Stunden ist sie fort. Und gleich werden Sie noch ein Kühlgel und eine Heilsalbe aufgeschmiert bekommen, die die Heilung beschleunigt. Wenn Sie trotzdem einmal schauen möchten?" Er hörte sich sehr zufrieden - beinahe schon selbstzufrieden an...
Jess schaute auf ihre Arme herab. Der erste Anblick schockierte sie tatsächlich etwas, beide Arme waren knallrot. Die Ärzte nahmen diese zwar noch einmal "in Beschlag", um ihr das Gel, beziehungsweise die Creme, aufzutragen, doch danach sah es auch nicht sehr viel besser aus. "Die Rötung geht bald zurück", wiederholte der Chirurg, und fügte hinzu: "Bitte sehen Sie doch noch einmal genauer hin. Unabhängig von den roten Armen... Fällt Ihnen denn nichts auf?"
Jess musste sich etwas zusammenreißen, um sich von dem Anblick loszueisen, und auf anderes zu konzentrieren. Was sollte ihr auffallen? Die Rötung war momentan jedenfalls extrem. Doch dann bemerkte sie tatsächlich etwas: Die Narben waren wirklich zurück gegangen! Sie konnte einige immer noch erkennen - die, wo Rick am tiefsten geschnitten hatte - aber andere, die nicht ganz so tief eingeritzt worden waren, waren kaum, bis sogar gar nicht mehr zu erkennen!
Jess blickte die Ärzte an. Sie konnte es kaum glauben. "Und das sieht nicht nur so aus? Oder kommen die wieder, wenn die Rötung weg ist?" fragte sie, immer noch etwas misstrauisch. Das konnte doch nicht sein? Die Ärzte schüttelten den Kopf. Einer von ihnen antwortete, beinahe beleidigt: "Das, was Sie jetzt sehen, die Narben betreffend, ist Ihr derzeitiger Zustand, nach unserer ersten Behandlung. Da ändert sich gar nichts. Nach der zweiten, die bald folgen wird, werden die, jetzt noch etwas schwacher ersichtlichen, ebenfalls ganz fort sein. Und bei der dritten, die ja auch noch folgt, werden dann diese fort sein. Das einzige, was ich Ihnen hier und jetzt nicht zusagen kann, sind diese, und diese Narben hier", er zeigte auf zwei Narben, die zu denen gehörten, die immer noch - leider sehr gut - zu sehen waren. Es waren die tiefsten, die Rick Jess zugefügt hatte. "Diese Narben werden vermutlich bleiben. Allerdings auch um einiges schwächer als jetzt noch, und es wird möglich sein, sie mit unserer Spezialcreme zu überdecken. Im Grunde wird ALLES, was Sie hier jetzt noch sehen, nicht mehr vorhanden sein. Und, wie gesagt, die jetzige Rötung wird in ein paar Stunden verschwinden. Dann sehen Sie es noch besser. Und nun wünsche ich Ihnen erst einmal alles Gute, bis zum nächsten Termin." Damit zeigte er auf die Tür. Es war ein - beinahe sanfter - Rausschmiss.
Jess stand von der Liege auf und verließ den Raum. Draußen empfing sie Rea. Lia war noch nicht fertig, und er sah definitiv mehr als besorgt aus. Als er sie sah, umarmte er sie, und fragte - natürlich - als erstes, wie es ihr ging. Jess lächelte leicht, und setzte sich dann erst einmal hin. "Ganz gut", antwortete sie. Was im Grunde auch stimmte. Rea bat sie, ihm ihre Arme zu zeigen, sie hatte ihre Ärmel wieder heruntergezogen. Langsam zog sie diese hoch und auch Rea erschrak zuerst, als er ihre roten Arme sah. Doch Jess beruhigte ihn. Sie ging nicht davon aus, dass die Ärzte sie angelogen hatten, als sie sagten, dass die Rötung bald wieder verschwinden würde. Zudem sie ja auch Cremes zur Heilung erhalten hatte. Dann bat sie Rea, ebenfalls näher nachzusehen. Sie wollte wissen, ob sie es sich nachher nicht nur einbildete, dass sie weniger Narben sah. Rea blickte näher hin - und auch er meinte, dies zu erkennen. Es war schwierig, mit der rot gefärbten, entzündeten Haut, vermutlich durch den Laser, aber im Grunde erkannte er auch, dass die einen, oder anderen Narben auf jeden Fall blasser geworden waren. Allerdings konnte er nicht sagen, ob wirklich welche ganz fort waren, aber wenn Jess das meinte. Sie musste es schließlich besser wissen. Jess nahm sich vor, noch einmal darauf zu achten, wenn die Rötung fort war. Dann würde sie es vermutlich besser beurteilen können. Oder sie zeigte es auch Dana und Steffi. Zumal ja auch noch zwei Behandlungen anstanden. Spätestens danach wusste sie es hundertprozentig.
Aber jetzt warteten sowohl Rea als auch Jess auf Lia. Bei ihr dauerte es etwas länger, und natürlich machten sich beide mal wieder Sorgen deswegen. Ob es bei ihr auch so einigermaßen glatt lief, wie bei Jess? Und wie ihre Ergebnisse, nach dem ersten Mal, waren? Bald würden sie es erfahren...
(Lia xxx)

