Diverse Überlegungen

Jess und Rea hatten die Klinik verlassen, und gingen, zuerst schweigend, zu Reas Wagen. Rea hatte die gesamte Zeit über in dem Klinikcafé gesessen, und sich das Hirn darüber zermartert, was da wohl zwischen Lia und Jess ablief. Natürlich machte er sich wieder mal Sorgen. Jess sagte nicht viel, und so entschloss er sich, einmal nachzufragen, bevor er den Wagen startete. Er blickte zu Jess herüber, die neben ihm saß, und immer noch nicht viel redete. Für ihre Verhältnisse war sie ihm etwas zu still.
"Jess", begann er langsam, dann nahm er sich zusammen und sprach es schließlich aus: "Was ist da vorgefallen zwischen Lia und dir?"
Jess blickte ihn an und lächelte leicht. Sie hatte sich schon gedacht, dass er sich - wieder einmal - Sorgen gemacht hatte. Es wäre nicht Rea, wenn es nicht so wäre. Dennoch war sie nicht gewillt, ihn weiter in diese Thematik einzubeziehen. Das war eine Sache zwischen Lia und ihr, und außer Jennifer wusste im Grunde niemand, was wirklich vorgefallen war, nicht einmal Dana und Steffi hatte sie jedes Detail erzählt.
Und so atmete sie einmal tief durch, und antwortete schließlich: "Rea, sei mir nicht böse, aber das ist eine Sache zwischen Lia und mir! Wir hatten etwas zu besprechen, und das haben wir getan. Es ist wieder alles in Ordnung! Wirklich!" fügte sie noch hinzu, als sie das leichte Stirnrunzeln von Rea bemerkte. Er schien ihr nicht wirklich zu glauben - aber das musste sie in Kauf nehmen. Vielleicht würde Lia es ihm irgendwann erzählen. Wenn sie den Mut hatte, ihm ihre Verfehlungen ihr gegenüber zu beichten. Aber es wäre tatsächlich Lias Sache. Sie wollte auch keinen Keil zwischen Lia und Rea treiben, beziehungsweise ihre gerade wieder aufkeimende Freundschaft damit gefährden. Nein, es musste ein Schlussstrich gezogen werden; sie hatte zwar immer noch nicht alles vergessen - manche Worte hallten immer noch in ihren Ohren - aber sie hatte ihrer Freundin tatsächlich vergeben. Und wenn sie irgendwann einmal das dringliche Bedürfnis verspüren würde, mit jemanden über das ganze zu reden, dann wusste sie, wer immer - noch - ein offenes Ohr für sie hatte. Jennifer wusste alles darüber, und sie würde ihr vertrauen können, dass sie es niemandem erzählte. Auch Rea nicht.

Dieser blickte sie noch einmal an, und seinem Blick konnte Jess ansehen, dass er nicht wirklich zufrieden mit der Antwort war; dennoch sagte er nichts mehr, drehte den Zündschlüssel um, und fuhr zuerst Jess nach Hause - ihre Freundinnen erwarteten sie bereits sehnsüchtig - und fuhr dann selbst zu sich.
In seinem Kopf arbeitete es. Natürlich machte er sich Gedanken. Er ahnte, dass da mehr zwischen Lia und Jess war, als Jess ihm erzählen wollte. Und er wusste nicht, was er davon halten sollte. Ihm kam auch in den Sinn, dass Jess die ganzen Wochen, die Lia nun schon in der Klinik war - die ja auch gleichzeitig stellvertretend für eine Gefängnisstrafe galt, wie ihm schmerzhaft bewusst wurde - diese nicht einmal besucht hatte. Er hatte sich schon gewundert, weshalb. In Anbetracht der Tatsache, dass sie lange miteinander gesprochen hatten, und Jess ihm nichts darüber erzählen wollte, ahnte er, dass es schon etwas Tiefergehendes beinhaltete. Er dachte zuerst darüber nach, zu Jennifer zu fahren, um dort nachzuhaken, ob sie etwas wusste. Einerseits war er sich beinahe sicher, dass es so sein würde, allerdings ahnte er auch, dass Jennifer es ihm vermutlich nicht erzählen würde. Wenn sie etwas wusste, war es sicherlich im Vertrauen, und das würde Jennifer nicht aufs Spiel setzen.
Als er an Jennifer dachte, fiel ihm etwas anderes ein: Der Tag, an dem er sich mit Lia gestritten hatte, und diese den verdammten Scheiß erst in Gang gebracht hatte. Bei dem Gedanken daran, spürte er wieder einmal Herzstiche. Es tat ihm immer noch weh, darüber nachzudenken. Auch, wenn er dies Lia nie direkt vorwarf, so fragte er sich immer noch, wie sie nur auf diese verdammte Idee gekommen war. Nun ja, wie wusste er ja irgendwie schon; beziehungsweise wer sie auf den Trichter gebracht hatte. Reas Hände krampften sich beinahe ums Lenkrad, als er an diese verdammte Valerie dachte. Er war froh, dass sie immer noch in Haft saß. Ob der Kommissar durch sie auch noch an andere Hintermänner gekommen war? Leider hatte Rea keinen Kontakt mehr zu ihm, seit Lias und Jess' Befreiung. Dann zwang er sich, wieder an Lia und Jess zu denken. Zuerst dachte er wieder an den Streit mit Lia zurück. Erneut spürte er Herzstiche. Dennoch ahnte er irgendwie, dass dort etwas verborgen lag. Lia hatte ihm einiges an den Kopf geworfen - und anderem auch, dass sie meinte, er hätte etwas mit Jess. Was natürlich vollkommen absurd war. Dennoch schien sie es sich eingeredet zu haben. Rea konnte nur hoffen, dass die Therapiesitzungen, die sie mehr oder weniger freiwillig nahm, beziehungsweise nehmen musste, auch dahingehend etwas halfen. Ihre Eifersucht musste sie auch in den Griff kriegen! Aber sie hatte noch etwas gesagt. Ihm fielen die ganzen Beleidigungen gegen Jess ein, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Er hatte es kaum glauben können, was sie alles über sie gesagt hatte... Aber das hatte sie IHM gesagt; wäre es möglich, dass sie und Jess sich ebenfalls so gestritten hatten? Jetzt erinnerte er sich auch an den Tag bei Jennifer genauer: danach, als sie ihn angerufen hatte, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Und er herausgefunden hatte, dass sie fort war. Rea begann leicht zu zittern, doch er beruhigte sich gleich wieder. Er war zu Jennifer gefahren, und war dort ebenfalls auf Jess gestoßen; sie hatten ihm alles erzählt. Meinte er zumindest. Das, was Lia vorhatte, und, zu seinem großen Entsetzen, dann auch ausgeführt hatte. Im Grunde war es nur Jess zu verdanken, dass sie nicht zur Mörderin geworden war. Und auch für Jess hätte es noch böse ausgehen können, denn genau genommen hatte sie sich mitschuldig gemacht. Es war dann auch widerrum Lia gewesen, die alle Schuld auf sich genommen hatte, und so ausgesagt hatte, dass Jess keine Mitschuld nachgewiesen werden konnte, beziehungsweise diese erst gar nicht angeklagt wurde. Aber auch das war es nicht, worüber er nachdachte. Er grübelte weiter. Jess war fertig gewesen, an diesem Tag. Sicher, sie hatte die Waffe gefunden, das war ja an sich schon schlimm genug - aber könnte es sein, dass Lia und sie sich dort extrem gestritten hatten? So, wie Lia danach drauf gewesen war... Das musste es sein. Ihm fiel auch wieder ein, dass Lia und Jess sich gestritten hatten; vielleicht schlimmer, als er dachte? Und wenn Lia Jess auch dasselbe an den Kopf geworfen hatte, wie sie ihm danach, dann konnte Rea es schon nachvollziehen, dass Jess nicht mehr wirklich mit Lia kommunizieren wollte. Allerdings passte dann nicht wirklich dazu, dass sie kurze Zeit später ihr eigenes Leben riskiert hatte, um Lia zu finden, um sie von der größten Dummheit ihres Lebens abzuhalten...
Rea seufzte, und gab es auf, noch weiter zu grübeln. Was auch immer wirklich passiert war, Jess würde es ihm wohl nicht erzählen. Jennifer würde er nicht ausfragen, er wollte nicht an einem Vertrauensbruch schuld sein. Vielleicht würde er beim nächsten Besuch Lia einmal darauf ansprechen; aber ob sie ihm etwas verraten würde? Im Grunde war es auch egal, Jess hatte gesagt, es wäre wieder alles in Ordnung zwischen den Beiden, und er konnte nur hoffen, dass es auch so war.
Schließlich war es zu Hause angekommen, und das erste, was er tat war, sich hinzulegen und etwas auszuruhen. Zumindest versuchte er es...

Jess war bereits einige Zeit zu Hause und ihre Freundinnen hatten natürlich auch einiges zu fragen. Doch Jess wollte ebenfalls nicht wirklich mit ihnen reden. Sie sagte ihnen im Grunde dasselbe, was sie Rea gesagt hatte, und bat darum, es dabei beruhen zu lassen. Dana und Steffi wussten vielleicht ein wenig mehr als Rea, da sie ihnen etwas mehr über den Streit mit Lia erzählt hatte - aber die ganze Wahrheit, nämlich das Geschehen davor, im Krankenhaus, und die genauen Worte, mit denen Lia und Valerie sie bedacht hatten, das wusste im Grunde nur Jennifer. Und diese hatte ihr versprochen, es niemandem zu erzählen. Jess wusste, dass sie sich auf Jennifer verlassen konnte. Dennoch gab es da eine Sache, die Jess zumindest nicht unversucht lassen wollte. Sie sah ihre Freundinnen an, und fragte schließlich: "Dana, Steffi, ich, ich hätte da ein Anliegen. Es ist vermutlich nicht einfach, und ich weiß, dass es euch auch nicht gefallen wird - aber ich möchte euch bitten, auch einmal mitzukommen, wenn ich Lia besuche. Mir würde es sehr am Herzen liegen, wenn wir uns alle mal kennenlernen könnten. Es muss auch nicht sofort sein - Lia ist ja noch länger dort... Leider", fügte sie noch hinzu.
Dana und Steffi starrten sie beide an, sie konnte ihre Blicke geradezu auf sich spüren. Dann hörte sie Dana, die empört rief: "Das ist jetzt nicht wirklich dein Ernst, oder? WIR sollen dieser Schnepfe eine Chance geben? Du weißt, was wir von der halten, Jess! Ich für meinen Teil kann es nicht mal verstehen, dass DU der noch eine Chance gibst, nach dem, was sie dir angetan hat!" Dana klang tatsächlich mehr als sauer. Bevor Jess etwas erwidern konnte, war Steffi schneller. Sie blickte Jess ebenfalls an, und sprach dann, etwas sanfter als ihre Freundin: "Dana, fahr mal einen Gang runter! Jess, ich will nicht sagen, dass mir persönlich sehr viel daran liegen würde, Lia näher kennenzulernen. Aber - lass mich ausreden bitte - ich kann verstehen, dass sie dir etwas bedeutet. Auch, wenn sie in der Vergangenheit mehr als Mist gebaut hat..." Sie hörte Dana schnauben, doch diese hielt sich zurück. Steffi reagierte nicht weiter darauf, sondern fuhr fort: "Wenn du in der Lage bist, ihr zu verzeihen, und weiterhin mit ihr befreundet sein willst, dann sollten wir es wenigstens mal in Betracht ziehen, sie zu besuchen. Erwarte bitte nicht von uns, dass wir uns ebenfalls mit ihr anfreunden. Das wird auch bei mir vermutlich nicht passieren. Aber kennenlernen wäre ein Anfang! Wenn SIE dazu bereit ist! Soweit ich weiß, ist sie uns gegenüber auch nicht gerade freundlich gesonnen.."
Jess wusste, dass Steffi recht hatte. Sie dachte kurz an Lias Bezeichnungen, Dana und Steffi betreffend. Wie war das noch gleich? "Dumm und Dümmer"? Nun ja, zumindest hatte Jess das Gefühl gehabt, nach ihrem klärenden Gespräch, dass Lia dahingehend anders dachte. Und sie hatte sich sogar etwas dafür geschämt. Zumindest meinte Jess das herausgehört zu haben. Sie blickte Steffi, und auch Dana, an und antwortete schließlich: "Ich erwarte gar nichts. Weder von euch, noch von Lia. Alles was ich gerne hätte, wäre ein Treffen zwischen uns vieren. Und ich würde Lia natürlich auch vorher davon erzählen. Wenn sie es partout nicht will, dann hat sich das auch erledigt. Und wenn ihr, wenn du, Dana, es auch nicht willst, dann auch. Ich möchte niemanden dazu zwingen. Es wäre für mich nur eine unheimliche Erleichterung, wenn, wenn ich das Gefühl hätte, ihr würdet zumindest miteinander auskommen..." Ihre Stimme war leiser geworden.
Dana und Steffi blickten sie wieder - oder immer noch - an; und schließlich war es erneut Steffi, die antwortete: "Von mir aus, ja. Du kannst sie fragen. Ich für meinen Teil bin einverstanden." Sie blickte Dana an, und diese verstand. Steffi konnte nicht für sie sprechen, dennoch ahnte Dana, was diese gerne von ihr hören wollte. Sie seufzte, dann blickte sie Jess an, und antwortete ebenfalls: "Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich begeistert von der Idee bin; nach allem, was sie getan hat... Aber gut, vielleicht sollten wir ihr eine Chance geben. Immerhin ist sie jetzt in Behandlung. Vielleicht ändert sie das ja. Aber ich kann dir eines versprechen, Jess: ich werde sicher nicht mitkommen, um eine mega Freundschaft zu ihr aufzubauen! Das wird nie was! Und ich für meinen Teil mach das auch nur deinetwegen!" Ein wenig Trotz kam noch aus ihrer Stimme heraus.
Jess lächelte mild. Sie kannte Dana. Und sie wusste, dass das ein riesiger Fortschritt war. "Ich erwarte keine Freundschaft zwischen euch", wiederholte sie noch einmal. Dann sah sie beide an und sagte: "Ich bin ziemlich müde... Danke für euer Verständnis. Wie schon gesagt; ich werde vorher auch mit Lia reden. Vielleicht lehnt sie es ja auch partout ab, dann hat sich das ganze erledigt. Aber falls sie es auch möchte, bin ich froh, dass ihr ihr eine Chance geben wollt. Danke!" Damit ging sie in ihr Schlafzimmer. Dana und Steffi blickten ihr hinterher. Für heute würden sie Jess in Ruhe lassen...

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Christal, 31
Traumland