Erneut bei Null...

Die Kommissare waren auf dem Weg zu der von Franko beschriebenen Hütte, und vor allem Robert saß wie auf heißen Kohlen. Hatten sie endlich die Möglichkeit, diesen perversen Bastard dingfest zu machen? Er konnte es kaum glauben. Nach der Beschreibung des Inhaftierten würde es nicht wirklich schwierig sein; er war wohl ziemlich schwer verletzt. Trotzdem würden sie vorsichtig sein müssen, denn dieser Wahnsinnige hatte garantiert noch genug Kraft, sich eventuell doch gegen sie zur Wehr zu setzen. Oder es zumindest zu versuchen. Zudem hatte er auch noch eine Waffe.
Trotzdem war Robert zuversichtlich, dass sie es nun endlich schaffen würden. Und wenn sie ihn dann in Gewahrsam hatten, konnte er endlich zu Rea Garvey gehen und dem Sänger die frohe Botschaft mitteilen. Dann brauchten weder er noch die beiden jungen Frauen sich weitere Sorgen zu machen - dachte er jedenfalls.

Schließlich waren sie an besagter Hütte angekommen. Robert erinnerte sich schaudernd daran, dass hier wohl irgendwo die Leichen der beiden Jungen liegen mussten, die dieser Franko vergraben hatte. Wenn sie hier fertig waren, würden sie beginnen, diese zu suchen. Jetzt mussten sie ihre Aufgabe erledigen, weswegen sie eigentlich hier waren. Robert und seine Kollegen standen mit der Pistole im Anschlag vor der Hütte. Sie waren alle nervös, dennoch gelang es Robert, sich zusammen zu reißen. Sie wussten, was auf dem Spiel stand; wie gesagt, Rick sollte - angeblich jedenfalls - schwer verletzt sein. Aber erstens wusste keiner, ob das wirklich stimmte - Franko konnte genauso gut gelogen haben, auch, wenn Robert das eigentlich nicht glaubte - und zweitens, selbst wenn es zutreffen sollte, könnte er immer noch in der Lage sein, auf sie zu schießen. Also stellten sie sich auf alle Eventualitäten ein - und stürmten schließlich, auf Roberts Zeichen, mit erhobenen Waffen und schussbereit, die Hütte.

Mit dem was sie nun sahen, hatte niemand gerechnet. Sie hatten sich alle auf einiges vorbereitet, auch darauf, direkt von diesem Kerl angegriffen zu werden. Doch damit, dass die Hütte leer sein würde, hatte keiner gerechnet. Robert und seine Kollegen ließen die Waffen sinken. Was war das jetzt für eine Scheiße? So groß war die Hütte nicht, dass sich jemand hier verstecken könnte. Es gab nur einen Raum, und in diesem befand sich definitiv niemand mehr!
Robert fuhr sich durch die Haare. Hatte dieser Kerl sie etwa belogen? Das durfte doch nicht wahr sein! Er spürte Wut in sich, doch schließlich beruhigte er sich wieder etwas. Die Kommissare hatten ihre Waffen eingesteckt, es bestand definitiv keine Gefahr, auch in unmittelbarer Nähe der Hütte war niemand, und begannen nun, die Hütte genauer unter die Lupe zu nehmen.
Was Robert erkennen konnte war, dass ein Feldbett genau an der Stelle stand, die Franko ihnen beschrieben hatte. Er ging dorthin und besah es sich genauer. Er konnte Blut darauf erkennen. Also schien dort tatsächlich jemand gelegen zu haben.. Aber hier war definitiv niemand mehr! Vielleicht hatte dieser kleine Mistkerl ihn doch woanders hingebracht und sie jetzt und hier in die Irre geführt? Er musste ihn sich noch einmal vornehmen! Robert spürte erneut ein unangenehmes Wutgefühl in sich aufsteigen. Er gab seinen Kollegen von der Spurensicherung kurz den Befehl, weitere Spuren zu suchen, und ihm sofort Bescheid zu geben, sobald sie etwas brauchbares gefunden hatten; außerdem erinnerte er diese auch noch an die beiden Jungen, die hier irgendwo vergraben lagen. Sie hatten zwar keine Priorität, aber wenn es sich machen ließ, sollten auch sie gesucht werden. Vielleicht half das ja auch bei der Suche nach diesem Mistkerl...

Dann verschwand er und fuhr wieder zurück zum Gefängnis. In ihm wütete es. Als er dort ankam, kam ihm sein polnischer Kollege entgegen, der mit ihm zusammen das Verhör durchgeführt hatte. "Und?" fragte dieser, doch er konnte wohl an Roberts Gesichtsausdruck erkennen, dass etwas nicht stimmte. "Dieser Kerl hat uns anscheinend angelogen", knurrte Robert. Man konnte seiner Stimme entnehmen, wie er sich fühlte. "Was?" fragte sein Kollege. "Er war nicht da!" "Das ist ja wohl kaum zu fassen! Angeblich soll er doch halb tot gewesen sein, als der kleine Schisser weggefahren ist!" Robert nickte. "Das sagte er zumindest...  Ich werde ihm mir jetzt noch einmal vorknöpfen - und dieses Mal brauche ich keinen "bösen Cop", ich bin dermaßen geladen..." Der polnische Kollege lachte bitter auf, dann gab dieser einem Beamten den Befehl, Franko aus der Zelle zu holen, und in den Verhörraum zu führen. Man konnte ihm ansehen, dass es ihm gefiel, dass Robert nun anscheinend kein "guter Cop" mehr sein wollte...
Schließlich bekamen sie die Mitteilung, dass der Gefangene im besagten Raum auf sie wartete. Dieses Mal hatte er keine Verteidigerin bei sich, aber darauf nahm Robert jetzt auch keine Rücksicht. Es war ihm schlichtweg egal. Seine Wut hatte sich tatsächlich potentiell ausgebreitet.

Franko indes war ziemlich irritiert gewesen, als er, wieder einmal, in den Verhörraum geführt wurde. Er war ja gerade erst dort gewesen. Als er gefragt hatte, was denn los wäre, bekam er keine Antwort, sondern wurde relativ grob, fortgeführt. Schließlich gab er es auf. Er würde schon merken, was jetzt passierte...
Dann kam Robert in den Raum und setzte sich vor ihm auf den Stuhl. Der andere Kollege blieb an der Tür stehen, und hielt Franko mit stechendem Blick im Auge. Irgendwie wurde diesem unwohl. Doch bevor er weiter nachdenken konnte, knallten Roberts Hände auf den Tisch. Franko zuckte zusammen. Bevor er fragen konnte, was das sollte, hörte er den Kommissar sprechen: "Willst du uns eigentlich verarschen?", der Ton war äußerst angespannt und aggressiv. Franko verstand gar nichts. Robert polterte weiter: "Wenn ich etwas überhaupt nicht abkann, dann ist es, an der Nase herum geführt zu werden, verstanden?" er ereiferte sich immer mehr und wurde tatsächlich immer lauter. Franko sah, dass der andere Kollege näher gekommen war und sich neben diesen gestellt hatte.
Er sagte nichts, legte aber eine Hand auf dessen Schulter. Sollte das jetzt ein Rollenwechsel werden? War jetzt der deutsche Bulle der "Böse" und der andere der "Gute" Cop? Aber wenn ja, warum? Dann ging es weiter. Dieses Mal klang Robert etwas beherrschter, aber man merkte ihm seine Aufregung immer noch an: "Jetzt reden wir mal Tacheles! Verdammt, wenn du nicht reden willst, dann ist das dein gutes Recht! Aber angelogen zu werden, gefällt mir überhaupt nicht! Ganz und gar nicht! Wir haben keine Lust und vor allem keine Zeit, zu irgendwelchen Alibi-Verstecken geführt zu werden! Entweder, du sagst uns jetzt SOFORT wo sich dieser Kerl aufhält, oder es wird dir schlecht bekommen! Verstanden?!" Das letzte hatte er wieder gebrüllt und war dabei aufgestanden.
Der Griff des polnischen Kollegen wurde fester. Dieser merkte, dass Robert gerade dabei war, die Grenze dessen, was sie durchaus tun durften, zu überschreiten. Und einerseits beeindruckte ihn dies durchaus, da er zuvor den deutschen Kollegen eher als zu sanft und beinahe babyhaft eingeschätzt hatte, aber andererseits wollte er es auch nicht zu weit gehen lassen. Nachher tat dieser Kollege doch etwas unüberlegtes, was noch dazu führen könnte, dass der Gefangene frei kam. Das konnten sie nicht riskieren. Zumal sie sich hier ohnehin - mal wieder - über das Recht des Gefangenen auf seine Anwältin, hinweg setzten.

Doch das war diesem gerade ziemlich egal. Er begriff zuerst überhaupt nicht, was der Bulle meinte, doch dann kam es langsam in seinem Hirn an. Er wurde blass. Hieß das etwa, dass Rick nicht mehr in der Hütte gewesen war? Aber das konnte doch nicht sein. Nicht bei den Verletzungen, die dieser hatte, als er ihn alleine gelassen hatte! Doch wieso sollte ihn der Bulle jetzt und hier verarschen? Es gab doch gar keinen Grund dazu, wenn sie ihn tatsächlich gefunden, beziehungsweise verhaftet hätten...
Langsam begriff Franko, dass es wohl tatsächlich so war, wie er befürchtete. Aus irgendwelchen Gründen war Rick nicht mehr da gewesen. Und die Bullen gingen - verständlicherweise - davon aus, dass er sie angelogen hatte.
Franko blickte die Kommissare an und seine Stimme war trocken, als er antwortete: "Ich schwöre Ihnen, ich habe nicht gelogen! Ich weiß nicht, wieso Rick nicht mehr da ist - ich kann es auch kaum glauben. Bitte, bitte glauben Sie mir.. Oh Gott.. Wenn Rick wirklich fort ist, dann bringt er mich um, wenn er heraus gefunden hat, wo ich bin.. Der bringt mich um..." Franko stammelte nur noch.
Die Kommissare sahen sich an. Vor allem Robert hatte mit jeder Reaktion gerechnet, nur nicht mit dieser. Langsam wurde er ruhiger. Sollte er sich geirrt haben? Er war wirklich der Meinung gewesen, dass dieser Knilch sie herein gelegt hatte, aber so wie es jetzt und hier aussah, konnte er es selbst kaum glauben. Und davon ab, dass Robert auch keinen wirklichen Sinn darin sah, weshalb Franko lügen sollte, bis dahin hatte er ja von seinem Schweigerecht gebrauch gemacht, konnte er sich gerade auch nicht vorstellen, dass dies hier gespielt war. Robert konnte die Angst geradewegs in seinem Gesicht ablesen. Und langsam trat Schweiß aus allen seinen Poren...

Robert wurde ruhiger. Er blickte den polnischen Kollegen an und beide kamen stillschweigend überein, dass sie mal kurz draußen miteinander reden mussten. "Wir sind gleich wieder da! Du rührst dich nicht von der Stelle!" brummelte Roberts Kollege, dann gingen sie vor die Tür. "Was halten Sie davon?" fragte dieser auch schon, und Robert schwieg kurz, dann antwortete er, sichtlich ruhiger als zuvor: "Ich glaube ihm! So wie der im Augenblick aussieht, kann man das nicht spielen. Der ist ja kurz vor dem Kollaps... Nein, ich denke, er lügt nicht. Also war er vermutlich noch dort, als unser "Freund" hier geflohen ist, aber wir in aller Welt ist dieser dann entkommen? Wenn er wirklich so übel dran gewesen ist? Ich verstehe es nicht..." "Vielleicht hat er doch ein wenig gelogen? Dass der Bastard gar nicht so schwer verwundet gewesen ist?" "Dann wäre er nicht weit gekommen. Oder glauben Sie ernsthaft, dass es ihm dann gelungen wäre, zu fliehen? Wenn er sich vorab die ganze Zeit um ihn kümmern musste? Nein, das denke ich nicht." "Naja, wenn Sie sich an seine Aussage erinnern - er sagte doch, dass dieser Rick zu der Zeit, als er geflohen ist, gerade mit anderen Dingen "beschäftigt" war.. Das muss ja nicht unbedingt etwas mit seinen Verletzungen zu tun gehabt haben..." "Keine Ahnung, ich werde ihn jetzt noch einmal fragen. Was mir aber noch einfällt: Ich habe auf dem Feldbett, worauf er wohl gelegen haben soll, tatsächlich Blutspuren entdeckt. Also ganz falsch wird das nicht gewesen sein.. Weitere Spuren werden wohl gerade von unseren Kollegen gesucht. Vielleicht finden die ja was, dann melden sie sich. Und nun geht es weiter!" Damit wollte Robert wieder rein, doch sein Kollege hielt ihn noch kurz auf: "Aber vielleicht ein wenig ruhiger? Soll ich wieder der "böse Cop" sein?" Robert schüttelte den Kopf: "Ich denke, wir brauchen keinen "bösen Cop" mehr..." Dann gingen sie wieder in den Raum zurück.

Franko saß da wie ein Häufchen Elend. Er hatte sich nicht gerührt und zuckte zusammen, als sich Robert wieder auf den anderen Platz setzte. "Keine Angst, alles in Ordnung. Zuerst einmal, es tut mir leid, dass ich mich gerade ein wenig vergessen habe, ich hoffe, wir können darüber hinweg sehen." Robert wusste, dass er sich gerade auf heißem Eis befand, immerhin hätte der Inhaftierte das Recht, sich über ihn zu beschweren. Doch Franko blickte sowohl ihn als auch seinen Kollegen an und nickte schließlich. "Vergessen Sie's, ich bin schlimmeres gewohnt... Aber jetzt noch mal zurück zu Rick. Es ist wirklich Ihr Ernst, dass er fort ist? Das kann doch nicht sein! Ich schwöre Ihnen, als ich fort bin, war er mehr als schwer verletzt! Ich kann kaum glauben, dass er es geschafft haben soll, so wegzukommen..." Der polnische Kollege fiel ihm ins Wort: "Aber er war anscheinend noch stark genug, sich "mit sich selbst zu beschäftigen", als sie geflohen sind?" Er zog eine Augenbraue hoch. Da war er wieder, dieser kleine Unterton, der immer noch darauf schließen ließ, dass sie ihm nicht ganz vertrauten. Franko blickte ihn an und nickte: "Ja, das konnte er anscheinend noch! Das war ja wohl auch der Grund, weshalb ich ihm diese furchtbaren Bilder bringen musste! Hören Sie, ich habe mir keine großen Gedanken gemacht, wie er es schaffte, trotz der Verletzungen DAS zu tun. Ich habe einfach die Gelegenheit genutzt, weil ich auch nicht wusste, wie er drauf sein würde, wenn er wieder zu sich kommt. Und ich hatte zudem keinen Bock mehr, mich um seine alten - und neuen - Wunden zu kümmern!" Franko verzog angewidert das Gesicht, als er daran zurück dachte.

Robert erinnerte sich daran, dass Franko das alles schon einmal ausgesagt hatte - und er glaubte ihm. Er blickte zu seinem Kollegen und nickte beinahe unmerklich. Dieser verstand. Sie hielten den Beamten, der vor der Tür stand, dazu an, Franko wieder in seine Zelle zurück zu bringen und verließen den Raum. Sie waren hier nicht weiter gekommen, er wusste tatsächlich nichts, beziehungsweise hatte ihnen alles erzählt was er wusste. Und so kamen sie schließlich darin überein, sich jetzt und hier bei den Kollegen der Spurensicherung zu erkundigen, ob es etwas neues gab. Und das taten sie dann auch. Diese hatten in der Tat Neuigkeiten; sie hatten Blutspuren entdeckt - zwar weniger als erwartet, aber dennoch genug, um sie zu verfolgen. Anscheinend hatte Rick, denn Robert ging davon aus, dass es Ricks Blut war, es geschafft, bis zur nächstgelegenen Straße zu gelangen - danach verloren sich allerdings die Spuren. Sie konnten nicht sagen, wie es weiter gegangen war, geschweige denn, dass sie derzeit eine Chance hatten, diese zurück zu verfolgen. Robert fuhr sich verzweifelt durch die Haare. Sie standen wieder bei Null. Das einzige, was die Kollegen gefunden hatten, waren in der Tat die Leichen der beiden armen Jungs, deren Wunsch auf einen freien Tag zu ihrem Verhängnis geworden war. Zumindest konnten sie diese nun bergen und ihren Eltern bescheid geben, sobald sie heraus gefunden hatten, um wen es sich handelte.
Aber das dürfte kein Problem sein, denn sie mussten ja mittlerweile als vermisst gemeldet worden sein. Das überließ er allerdings den dafür zuständigen Beamten. Was er sich überlegte war, ob er die Neuigkeiten Rea Garvey und seinen Freunden erzählen sollte? Er hatte zwar versprochen, sie auf dem neuesten Stand zu halten, aber ehrlich gesagt hatte er keine Lust, ihnen diese Schlappe mitzuteilen. Wenn sie erfolgreich gewesen wären, hätte er es ihnen erzählt. Aber in diesem Fall war es ohnehin egal. Rea wusste, dass Rick noch gesucht wurde, und daran hatte sich im Grunde auch nichts geändert. Also würde er die Sache für sich behalten. Alles musste der irische Sänger ja nun auch nicht wissen.
Robert wusste zwar noch nicht, wie es jetzt weiter gehen sollte, aber DASS es weiter gehen musste, war ihm klar. Irgendwie mussten sie es schaffen, heraus zu finden, wohin Rick nun geflohen war. Anscheinend hatte ihn irgend jemand mitgenommen, anders konnte es ja gar nicht gewesen sein... Hatte er jemanden gezwungen, ihn mitzunehmen? Doch wenn ja, wen und wohin hatte derjenige ihn gebracht? Franko konnte ihm nur den Standort dieser einen Hütte sagen, mehr kannte er wohl nicht. Sie hatten sehr viel harte Arbeit vor sich, und Robert hatte keine Ahnung,wie lange es dauern würde, bis sie etwas heraus finden würden, was sie weiter brachte. Doch sie MUSSTEN etwas heraus finden! Sowohl er als auch seine Kollegen machten sich weiter an die Arbeit...


Währenddessen hatte sich Ricks Zustand kaum merklich verbessert. Die Frau versuchte alles was in ihrer Macht stand, um ihm zu helfen. Sicherlich nicht seinetwegen, dass wusste Rick auch, deswegen hielt er sie auch akribisch im Auge und riss sich extrem zusammen. Einmal, weil die Schmerzen wieder angestiegen waren, und zum anderen, weil er es sich nicht erlauben konnte, "einzuschlafen"... Ihm war klar, dass alles vorbei sein würde, wenn er ohnmächtig wurde. Die Frau würde sicherlich direkt als erstes ihr Balg befreien, das immer noch eingeschlossen in der "Besenkammer" steckte, und dann würden diese zusammen fliehen. Das Auto stand ja immer noch in der Nähe und daneben lag der tote Ehemann... Rick war froh darüber, dass die Hütte so abgeschieden lag, dass er davon ausgehen konnte, dass niemand sie kannte oder jemals finden würde. Nicht einmal Franko wusste davon. Also würde der Idiot ihn auch nicht verraten können, sollten die Bullen ihn mittlerweile geschnappt haben. Wovon Rick beinahe ausging, denn er traute Franko nicht wirklich viel zu. Sollte dies zutreffen, hatte dieser bestimmt mittlerweile sogar den Aufenthaltsort der alten Hütte verraten; dann konnte Rick nur hoffen, dass er keine auffälligen Spuren hinterlassen hatte. Doch er wusste selbst, wie schwer verletzt er war; dass da gar nichts auffälliges zu finden sein würde, hielt er für beinahe ausgeschlossen. Trotzdem ging er davon aus, dass spätestens an der Straße, als er die Familie überfallen, und den Vater gezwungen hatte, ihn hierher zu fahren, keine weiteren Spuren zu finden sein würden. Noch hatte er Recht damit...

Die Frau schwitzte ebenfalls, hauptsächlich aus Angst um ihre Tochter und um sich selbst. Sie trauerte auch um ihren Mann, doch das Gefühl blieb - noch - im Hintergrund. Alles war beinahe wie im Film um sie herum. Sie hörte auch ihre Tochter nicht mehr, die zu Beginn noch geschrien hatte, und damit zumindest gezeigt hatte, dass sie noch lebte. Jetzt war es beinahe gespenstisch ruhig, und sie wusste nicht, wie viel Sauerstoff in diesem kleinen Raum, in dem ihre Tochter eingesperrt war, dieser zur Verfügung stand. Was war, wenn sie schon längst erstickt war? Doch sie traute sich nicht, nach ihr zu rufen. Dieser Mann hier machte ihr extreme Angst. Er hatte, ohne jegliche Gefühlsregung, einfach so ihren Mann erschossen - und sie ging davon aus, dass es ihm auch keine Probleme bereiten würde, sie genauso kaltblütig umzubringen. Und was er dann mit ihrer Tochter anstellen würde... Daran wollte sie gar nicht denken. Sie riss sich weiter zusammen und verarztete alle Wunden, die Rick noch - oder schon wieder - hatte. Auch an den Stellen, wo sie am liebsten nicht einmal hinschauen wollte. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig.
Schließlich war sie fertig. Sie hatte alles getan, was sie tun konnte, und zum Schluss auch noch seinen Schweiß abgewaschen.  Rick merkte, dass es ihm tatsächlich, zumindest was die Schmerzen anging, etwas besser ging. Er sah an sich herunter. Die Frau hatte in der Tat besser gearbeitet, als Franko in der ganzen Zeit zuvor, und wieder fühlte er Wut in sich aufsteigen. Doch es war noch zu früh, um an seine Rache, und das andere, zu denken. Eins nach dem anderen...
Langsam merkte er, dass er müde wurde. ZU müde.. Er musste etwas tun, und er wusste auch, dass die Frau nicht mehr tun konnte, als sie bisher getan hatte. Seine Wunden waren einwandfrei verbunden, er schwitzte auch nicht mehr ganz so stark, dank ihrer "Verarztung".. Und so nickte er ihr schließlich noch einmal zu, hob die Waffe hoch, und sagte kurz und knapp: "Danke", so ähnlich, wie er es zuvor auch bei dem einen Jungen getan hatte, der ihn zuerst notversorgt hatte. Dann drückte er ab. Die Frau war sofort tot.

Rick lächelte, doch das Lächeln gefror ihm, als er ein Brüllen aus der kleinen "Besenkammer" hörte - dem Raum, in dem das Mädchen eingesperrt war. Die hatte er tatsächlich kurzfristig mal vergessen, beziehungsweise er wusste ebenfalls schon gar nicht mehr, ob sie überhaupt noch lebte... Jetzt wusste er es, und obwohl er sich eigentlich keine Sorgen zu machen brauchte, immerhin wusste er, dass ihn hier niemand finden würde, und auch niemand ihre Schreie hören würde, ging es ihm tierisch auf die Nerven. Eigentlich hatte er eventuell noch andere Pläne mit ihr gehabt, wenn es ihm besser gehen würde; aber jetzt wollte er einfach nur, dass sie aufhörte. "SEI RUHIG!!" brüllte er, mit einer Kraft in der Stimme, die unglaublich war - doch sie hörte nicht auf, im Gegenteil, sie wurde noch lauter. Immer und immer wieder schrie sie nach ihrer Mutter, doch natürlich konnte diese nicht mehr antworten. Und irgendwann wurde es Rick einfach zuviel. Er nahm seine Waffe - und schoss durch die Tür hindurch. Immer und immer wieder. Er hatte natürlich keine Ahnung, wohin er schoss, es war ihm im Grunde auch egal. Er wollte einfach nur, dass sie aufhörte. Und schließlich war es ruhig.
Rick ließ seine Waffe sinken, er hatte erneut angefangen zu schwitzen, und dann geschah das beinah unvermeidliche: Er verlor das Bewusstsein. Dass dies nicht schon längst geschehen war, war seinen unglaublichen Stärke und Willenskraft zu verdanken - doch nun verlor er schließlich doch den Kampf mit seinen Verletzungen. Sein Arm sank herab und Rick trat in die Dunkelheit über. Doch seine Atmung war intakt, und er lief keine Gefahr, gefunden zu werden. Davon ab, war jeder, der ihm gefährlich werden konnte, entweder tot, oder hatte keine Ahnung, wo er war. Also war er abzuwarten, ob er irgendwann wieder aus der Dunkelheit erwachen würde - und dann eventuell gestärkt, so dass er sich weitere Pläne darüber machen konnte, wie es weiter gehen würde...

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Christal, 31
Traumland