eine alte Bekannte

Während Rea Lia Beistand leistete und in stiller Verzweiflung ihre Hand hielt, war Alec wieder zurück zu Jess gegangen. Ihm schwirrten ebenfalls Gedanken durch den Kopf, doch er versuchte, sie in geordnete Bahnen zu bekommen. Er wusste, dass Reas seelischer Zustand ebenso kritisch war. Nachdem was die beiden jungen Frauen mitgemacht hatten, war er vermutlich kurz vor dem Zusammenbruch, allerdings würde er das nicht freiwillig zugeben, da er jetzt versuchte, für beide da zu sein. Und da Alec wusste, dass er das nicht gleichzeitig konnte, hatte er beschlossen, zu ihm zu fahren. Jess brauchte ebenfalls Beistand, auch, wenn Rea nicht bei ihr sein konnte - und auch, wenn Alec wusste, dass Jess ebenfalls im Koma lag, hatte er die Hoffnung, dass sie es irgendwie spüren konnte, wenn jemand bei ihr war. Es hatte ja anscheinend schon einmal funktioniert, sie war bereits einmal aus einem Koma erwacht, in einer anderen Zeit, in der es ihr verdammt schlecht ging, und Alec konnte nur hoffen, dass sich dies nicht wiederholen würde - allerdings musste sie erst einmal aufwachen...

Alec schüttelte sich bei dem Gedanken, dass dies nicht geschehen könnte, doch dann riss er sich wieder zusammen und war schließlich vor ihrer Tür angekommen. Er zögerte noch einen Moment, dann atmete er einmal tief ein- und aus, und trat ein. Der Anblick war grausam, die ganzen Geräte, irgendwie kam ihm alles so "vertraut" vor, und doch so fremd. Alec hatte das Gefühl, dass es sogar noch schlimmer war als vor drei Jahren, als ihr Stiefvater sie missbrauchte, und versucht hatte, sie zu ertränken. Er wusste nicht, ob er sich das nur einbildete, aber es kam ihm vor, als wäre sie an noch mehr Apparaturen angeschlossen, oder die wären größer als die damaligen? Er wusste es nicht...
Was ihm jedenfalls auffiel, und was definitiv anders war, war dass sie schwitzte. Ihre Haut war rot, und als er langsam heran ging und sie am Arm berührte, spürte er, dass ihre Haut heiß war. Sie hatte hohes Fieber, das konnte er erkennen. Und dann fiel ihm ein, was Rea gesagt hatte, dass sie einen Schock erlitten hatte - oder so etwas ähnliches - und nun erneut ins Koma gefallen war, nachdem sie wohl zuvor einmal für kurze Zeit daraus erwacht war. Und dass sie geschrien hatte, als sie in sah...
Alec schüttelte es: "Was hast du wirklich gesehen, Kleines?.." flüsterte er, und strich Jess über das heiße, rote Gesicht. Er ahnte, dass die Ärzte vermutlich nicht mehr Medikamente geben konnten, als sie bereits taten, auch, wenn es nötig gewesen wäre. Rea hatte zwar nichts dergleichen gesagt, ihr Gespräch war zudem auch nur recht kurz gewesen, aber er konnte sich denken, dass Jess bestimmt irgend ein Zeugs gespritzt bekommen hatte, vermutlich ein Drogengemisch oder sonst was, und dass die Ärzte ihr eventuell deswegen nichts, oder wenig, gegen das Fieber geben konnten? Wie das bei Lia aussah, wusste er nicht...

Dann riss er sich wieder zusammen, jetzt und hier war er bei Jess und er wollte seine Gedanken bei ihr lassen. Er nahm ihre Hand vorsichtig in seine und drückte sie, so leicht er konnte. "Ich bin hier, Kleines - und Rea ist ebenfalls in der Nähe. Du bist stark, hörst du! Du hast so viel verdammte Scheiße überlebt und überstanden, du schaffst auch das hier! Und wenn nicht, dann versohl ich dir persönlich den Hintern, hörst du!!" Das letzte hatte er ein wenig lauter gesprochen, dennoch war seine Stimme heiser. Er blickte genauso verzweifelt auf die verbundenen Arme, die von ihren schweren Verletzungen herrührten, und er fragte sich, was diese Schweine noch alles mit den beiden gemacht hatten... Besonders der eine, der ihnen DAS hier angetan hatte. Einer war anscheinend aus dem Ruder gelaufen, und das schlimmste war, dass er irgendwo noch herum lief - und von der Bande wussten sie auch noch nichts. Der Kommissar hatte noch nicht darüber gesprochen. Hatten sie diese gefunden? Alec nahm sich vor, ihn beizeiten darüber zu befragen, aber nun war er hier, um Jess Beistand zu leisten. Er hatte auch keine Ahnung, ob sich Rea überhaupt darüber Gedanken machte, während dieser bei Lia wachte...

Alec hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als er plötzlich ein Klopfen an der Tür hörte, und jemand ins Zimmer eintrat. Natürlich ging er davon aus, dass es einer der Ärzte war, oder eventuell Rea zurück gekehrt sein könnte - allerdings wunderte er sich schon ein wenig darüber, dass diese klopften - doch dann hörte er ein zaghaftes Räuspern, und dieses war eindeutig WEIBLICH!
Alec drehte sich um. Natürlich konnte es auch eine Ärztin sein, die nach Jess sehen wollte, doch es war keine Ärztin, die gerade ins Zimmer getreten war. Er erkannte sie, obwohl er sie ungefähr seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es war Jennifer Goldhaar, Jess frühere Psychologin, bei der sie nach ihrer Vergewaltigung und ihrem Selbstmordversuch vor drei Jahren, langsam wieder gelernt hatte, zu leben.

Alec war ein wenig überrascht, sie hier zu sehen, vermutlich konnte sie ihm das ansehen, denn sie sagte direkt, ebenfalls mit schmerzlich heiserer Stimme: "Ihr Freund Sascha hat mich kontaktiert. Er hat mir alles erzählt, und nachdem ich einmal nach Steffi und Dana gesehen habe, und mich davon überzeugt habe, dass ihr seelischer Zustand zumindest einigermaßen stabil ist, habe ich beschlossen, hierher zu kommen. Sascha hat mir erzählt, dass es Rea nicht besonders gut geht, und dass Sie hierher gefahren snd, um nach ihm zu sehen? Wo ist er?" setzte sie noch hinterher, da sie ihn in der Tat nirgendwo entdeckt hatte, und zuerst nach Jess' Zimmer gefragt hatte, da sie davon ausging, dass er hier sein müsste. "Er ist bei Lia, sie ist ebenfalls gefunden worden und in einem anderen Trakt der Intensivstation.. Es geht ihr ebenfalls ziemlich schlecht.." Alec blickte kurz zu Jess, dann drehte er sich wieder um. "Bei beiden sieht es nicht gut aus.. Ich weiß nicht, was Rea macht, wenn eine von beiden stirbt.. Sehen Sie sich Jess an; sehen Sie, was dieser Bastard, wer auch immer, mit ihr gemacht hat".. Er zeigte auf ihre Arme. Jennifer kam ein wenig näher heran und zog einmal hart die Luft ein. Auch sie konnte erkennen, dass Jess Fieber hatte, und auch, wenn sie im Grunde noch schlechter informiert war als Alec, konnte auch sie sich denken, dass es einen Grund geben musste, dass die Ärzte ihr keine, oder zu wenig, Medikamente gegen das extrem hohe Fieber geben konnten: Drogen. Also war Jess' Körper vermutlich voller Drogen, welches Zeug auch immer; sie war körperlich verwundet, irgend jemand hatte ihr die Arme aufgeschlitzt - und was ihr sonst noch angetan wurde, was im Grunde das schlimmste von allem wäre, hatte Sascha ihr nicht beantworten können, also fragte sie Alec: "Wissen Sie, ob sie vergewaltigt wurde?"
Alec erstarrte. Nein, das wusste er nicht. Er stand mit Rea noch am Anfang der Unterhaltung, als die Ärzte mit Lia angerast kamen und Rea zu ihr gegangen war. Er selbst hatte auch bei den Ärzten nicht nachgefragt, sondern war direkt zu ihr herein gegangen.. Er schüttelte den Kopf: "Ich, ich weiß es nicht, ehrlich gesagt.. Rea sagte mir zu Beginn unserer Unterhaltung nur, dass sie einen Schock oder so etwas ähnliches erlitten hatte - nachdem sie einmal kurz wach geworden ist... Ich selbst war nicht dabei, ich weiß nicht, was genau das war. Rea hat furchtbar ausgesehen, als er es mir erzählt hat, also muss es wohl ein schrecklicher Anblick gewesen sein. Aber wir kamen nicht mehr dazu, weiter zu sprechen, er hat mir nur noch sagen können, dass sie wieder ins Koma geglitten ist, dann kamen die Ärzte mit Lia.. Er ist zu ihr, und ich kann erst einmal nur sagen, dass ihr Zustand ebenfalls kritisch ist. Ich habe ein Gespräch zwischen dem Kommissar und einem Arzt mitbekommen, der sagte, dass ihre Überlebenschancen bei ca. 20! Prozent liegen. Wie das bei Jess aussieht, weiß ich nicht, aber Sie sehen ja, wie sie aussieht, schwer misshandelt, vermutlich unter Drogen, hohes Fieber und ebenfalls im Koma... Also vermutlich auch nicht besser..." Alec senkte den Kopf.

Jennifer stand da und fühlte sich leer. Sie hatte die ganze Zeit die Vergangenheit im Kopf; ihre Zeit mit Jess, in der sie es geschafft hatte, sie von einem seelischen Wrack, denn das war sie nach der Vergewaltigung im TVoG-Gebäude durch ihren Stiefvater, wieder zu dem zu machen, was sie - bis jetzt - geworden war: eine selbstbewusste, junge Frau, die gelernt hatte, wieder zu leben und ihre innere Stärke wieder erlangt hatte, wenn nicht sogar eine neue dazu bekommen hatte. Natürlich war sie es nicht nur alleine, auch Rea hatte sein übriges dazu getan.
Doch was nun geschehen würde, sofern sie es überhaupt überlebte, wusste Jennifer nicht. Doch eines wusste sie definitiv: Sollte sie, zu dem ganzen Schrecken, den sie - und natürlich auch die andere junge Frau - durchgemacht hatte, zusätzlich auch noch missbraucht worden sein, wäre es beinahe unmöglich, sie wieder zu dem zu machen, was sie geworden war...
Jennifer wusste, dass sie jetzt und hier einmal heraus finden musste, ob eine erneute Vergewaltigung vorlag oder nicht. Sie hoffte letzteres, dennoch musste sie sicher sein. Es war auch wichtig, um zu wissen, was dieser "Schock" genau gewesen war, den Rea gegenüber Alec beschrieben hatte. Sie ahnte zwar etwas, aber um es wirklich zu wissen, musste sie sicher gehen. Und so verabschiedete sie sich kurz von Alec und versicherte ihm, dass sie gleich zurück kommen würde. Alec war zwar ein wenig überrascht, immerhin war sie gerade erst gekommen, aber er sagte nichts weiter, sondern kümmerte sich wieder um Jess.

Jennifer lief schnellen Schrittes durch den Gang und suchte einen Arzt, den sie fragen konnte. Zudem ihr auch die Frage nach den Drogen im Kopf herum spukte. Auch da war sie sich nicht sicher, dennoch war es für sie die einzige, vernünftige, Erklärung dafür, dass ihr Fieber nicht gesenkt werden konnte. Man konnte der jungen Frau ansehen, dass es mindestens bei 40 Grad liegen musste. Jennifer fröstelte.
Dann hatte sie jemanden gefunden. Einen jungen Arzt, der ihr entgegen eilte. Sie hielt ihn auf: "Entschuldigen Sie, mein Name ist Jennifer Goldhaar, ich bin die Psychologin von Jess Meurer", sie zeigte ihren Ausweis vor, der ihre Worte bestätigte. "Ich möchte wissen, ob meine Patientin vergewaltigt wurde, ich brauche das für meine weitere Arbeit mit ihr." Jennifer wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war, denn sie war zwar Jess' Psychologin gewesen, doch das war drei Jahre her - und damals war es nur der Tatsache zu "verdanken" gewesen, dass Jess noch minderjährig gewesen war, und sie innerhalb eines staatlichen Krankenhausese einen Selbstmordversuch gestartet hatte. Was sie hier machte, war nicht ganz legal, dass wusste sie. Offiziell hatte sie eigentlich gar nichts mehr mit Jess zu tun; sie hatte ihr damals zum Abschied Visitenkarten von Einzel- und Gruppentherapien gegeben; doch sie wusste nicht, ob Jess diese angenommen hatte. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt. Wenn, dann müssten dies Sascha oder Alec wissen, doch sie hatte - noch - nicht nachgefragt. Sascha hatte SIE kontaktiert, und sie konnte sich denken, dass dies den einfachen Grund hatte, dass sie Jess' erste Vertrauensperson gewesen war. Zudem kannte sie Rea, was vermutlich bei Jess' Psychologen, sollte sie nun welche haben, natürlich nicht der Fall war.

Jennifer würde sich später auch um Reas psychischen Zustand kümmern, doch jetzt war Jess wichtiger. Der Arzt hatte sich ihren Ausweis näher angesehen, er war überrascht, dass eine Psychologin aus Deutschland zu ihnen kam und sie davon nichts wussten, doch er konnte sehen, dass der Ausweis echt war, und so gab er ihn ihr wieder zurück. Dann sah er sie an und antwortete, in gebrochenem Deutsch: "Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, ist der Zustand der beiden Frauen äußerst schlecht... Beide liegen im Koma und sind nicht in der Verfassung mit einer Psychologin zu sprechen! Ob sie es es schaffen werden ist ungewiss, also verstehe ich nicht, was Sie hier treiben? Wer hat Sie informiert, beziehungsweise dazu befugt, hierher zu kommen?"
Jennifer sah ihn ebenfalls an und versuchte, so ruhig wie möglich, eine Antwort zu geben, die ihn befriedigen würde: "Ich weiß, dass der Zustand beider junger Frauen schlecht ist. Aber ich gehe zuversichtlich davon aus, dass sie es schaffen können! Und wenn sie es schaffen, brauchen beide psychologischen Beistand. Jess Meurer ist meine Patientin. Wir kennen uns, und sie hat Vertrauen zu mir, da ich sie bereits in Behandlung hatte. Ich kann Ihnen jetzt und hier selbstverständlich nicht zu viel erzählen, Sie wissen, ärztliche Schweigepflicht, aber unter Kollegen kann ich Ihnen soviel sagen: Die junge Frau hat eine furchtbare Zeit hinter sich; sie wurde bereits mehrfach sexuell missbraucht. Daher MUSS ich wissen, ob sie auch jetzt und hier dasselbe durchlitten hat, um gegebenenfalls meine Behandlung danach einzurichten - Bitte! Es ist doch besser, eine Verbindung zu jemanden aufrecht zu erhalten, den man kennt, als jemand neues hinzuzuziehen. Zu mir hat sie Vertrauen. Bitte sagen Sie mir, ob Jess Meurer vergewaltigt wurde..."

Sie hatte soviel Herzblut in die Frage, und versuchte Erklärung, herein gelegt, dass der Arzt schließlich einknickte: "Zuerst einmal: Ich hoffe, dass Sie dazu kommen werden, mit Ihrer Patientin zu sprechen... Falls dies der Fall sein sollte, kann ich Sie zumindest in dem Fall beruhigen: Nein, Jess Meurer wurde NICHT vergewaltigt. Wir haben keinerlei Spuren diesbezüglich finden können. Ich hoffe, das beruhigt Sie wenigstens ein wenig?"
Jennifer nickte. Ja, das tat es. Und jetzt konnte sie sich denken, was dieser "Schock", von dem Rea wohl gegenüber Rea berichtet hatte, zu bedeuten hatte, obwohl sie sich immer noch nicht ganz sicher war. Dann fiel ihr noch etwas ein und sie wandte sich wieder an den Arzt: "Ich weiß, Sie sagen mir bestimmt schon mehr als Sie dürfen, und ich bin Ihnen auch sehr verbunden, aber könnten Sie mir noch eine Frage bezüglich der anderen, jungen Frau beantworten: Sind dort ebenfalls keine Spuren eines Missbrauchs gefunden worden?" Sie dachte ebenfalls an Lia, und daran, ob diese eventuell anstelle von Jess deren Schicksal teilte.. Vielleicht hatte der Täter nicht Jess, sondern sie... Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte, jetzt etwas gröber: "No! Auch sie wurde nicht vergewaltigt! Beide wurden unter Drogen gesetzt, und, wie Sie sicherlich bereits gesehen haben, körperlich misshandelt. Aber NICHT missbraucht! Und jetzt möchte ich Sie bitten, wieder zu gehen, ich habe zu arbeiten!"
Jennifer merkte, dass sie Gefahr lief, zu weit zu gehen, und das wollte sie natürlich nicht riskieren. Dennoch hatte sie eine letzte Frage, bezüglich der Drogen und Jess' Zustand: "Ist das der Grund, weshalb Sie Jess Meurer keine Medikamente gegen ihre viel zu hohe Temperatur geben können? Man sieht es ja direkt, dass die junge Frau mindestens 40 Grad Fieber hat.."
Die Antwort des Arztes schockte sie: "41,5 Grad, um genau zu sein. Ja, das ist der Grund. Wir können ihr keine weiteren Medikamente verabreichen, als das, was wir schon tun. Die Drogen im Blut werden langsam heraus gespült, aber es befinden sich noch mehr als genug in ihr. Sie hat eine hohe Dosis bekommen, genau gesagt eine Überdosis einer uns unbekannten Zusammensetzung... Das erschwert die Sache. Wenn wir nun weitere Medikamente gegen das Fieber verabreichen würden, würde ihre Drogenmenge sich weiter erhöhen, und wir könnten uns aussuchen, woran sie stirbt: An einer Überdosis Drogen-Medikamenten-Mix oder eben das hohe Fieber.. Wenn allerdings das Fieber weiter steigt, ist sie in wenigen Stunden bis spätestens zwei Tagen tot. Ich muss jetzt gehen, trotz allem, schönen Tag noch!" Damit ging er und ließ eine völlig geschockte Jennifer einfach stehen.

'So ist das also', dachte diese. Ob Rea oder auch Alec DAS wussten? So hart hatte man es ihnen hoffentlich nicht gesagt, und das mit den 20 Prozent Überlebenschancen wusste Alec anscheinend nur von einem belauschten Gespräch über Lias Zustand - nicht einmal Rea hatte das mitbekommen. Von Jess' Chancen - oder beinahe gesagt, Null-Chancen - wusste vermutlich keiner. Es war beinahe wie Russisches Roulette mit ZWEI Kugeln im Lauf: Entweder sie starb an der immer noch vorhandenen Überdosis in ihrem Blut, die langsam - vermutlich ZU langsam - heraus gewaschen wurde; oder, was beinahe noch wahrscheinlicher war, an dem hohen Fieber, wogengen man WEGEN der Drogen, nichts tun konnte- ein Teufelskreislauf..
Dennoch ging Jennifer nun langsam wieder zurück zum Krankenzimmer. Sie wusste, was sie hatte erfahren wollen, und wollte nun mit Alec reden. Als sie eintrat, saß er immer noch bei ihr, und hielt ihre Hand. Jennifer musste wieder schlucken, der erste Schock wegen ihres Anblicks war zwar vorbei, aber sie musste trotzdem kurz innehalten, als sie erneut ihre Unterarme betrachtete, die bis zu ihren Armbeugen dick verbunden waren.
Dann räusperte sie sich vernehmlich und Alec drehte sich um. "Wissen Sie etwas neues?" fragte er direkt, und Jennifer wusste, dass sie ihn nicht anlügen konnte. Sie hatte einmal kurz darüber nachgedacht, wie viel sie ihm erzählen konnte, doch jetzt entschied sie sich für die schonungslose Wahrheit: "Also, zuerst einmal die vielleicht "beste" Nachricht, wenn man es überhaupt so nennen kann: Jess wurde nicht vergewaltigt! Auch bei Lia wurde nichts dergleichen festgestellt, ich habe auch nach ihr gefragt. Zumindest das... Allerdings sieht es generell bei beiden nicht gut aus; Sie haben ja schon selbst gehört, dass Lia kaum mehr als 20 Prozent Überlebenschancen haben soll - aber ich fürchte, über Jess' Zustand wissen Sie vermutlich, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit.. Der Arzt eröffnete mir, dass es sehr schlecht um sie steht. Wie wir es uns ja schon selbst gedacht, und befürchtet, hatten, ist ihr Körper zugeschüttet mit Drogen. Durch das hohe Fieber bedingt, können sie diese nicht vernünftig eindämmen, sie geben zwar Medikamente, aber wohl zu wenig. Mehr können sie nicht geben, denn dann steigt die Drogenmenge im Blut. Ein Teufelskreis... Und der Arzt eröffnete mir, dass sie wohl Gefahr läuft, entweder an einer Überdosis der Drogen, die sie immer noch im Blut hat, oder an dem hohen Fieber, das sie nicht herunter bekommen, zu sterben. Und er sagte mir eine "Deadline", was das Fieber angeht; es steht jetzt bei 41,5 Grad! Wenn es nicht innerhalb der nächsten zwei Tage - spätestens - runter geht, wird sie es nicht schaffen. Es tut mir leid.."

Sie hatte es noch etwas geschönt ausgedrückt, und verschwiegen, dass der Arzt auch etwas von mehreren Stunden! gesagt hatte. Die Deadline war zwei Tage gewesen, und so würde sie es auch belassen. Jeder konnte sich denken, dass es auch früher passieren konnte.
Alec konnte denken. Er schloss die Augen und sagte erst einmal gar nichts. Auch ihm kamen kurz Tränen in die Augen und die Magensäure wollte hoch, so zuvor bei Rea, doch er schluckte und atmete ein paar mal ein und aus. Dann hörte er Jennifers Stimme: "Ist alles in Ordnung, Alec?" Er sah sie an und lachte kurz und grimmig auf: "Ob alles in Ordnung ist? Nein, nicht wirklich.. Ich kann langsam Rea verstehen, wie er sich gefühlt haben muss.. Das hier ist ein einziger Albtraum.." Ich weiß", antwortete Jennifer. "Aber es ist schon mal ein Anfang, dass keine von beiden vergewaltigt wurde, damit kann man arbeiten. Wenn Jess aufwacht.."
Alec unterbrach sie: "WENN! Sie haben mir doch gerade eröffnet, wie ihre Chancen stehen.. Höchstens zwei Tage, wenn das Fieber nicht sinkt. Und da die Drogenmenge noch so hoch ist, denken wir doch beide dasselbe, oder?" "Ja, ich fürchte schon.. Aber es muss nicht sein, Alec! Wir müssen positiv denken, Alec, alleine wegen Rea.."

Alec wollte etwas erwidern, doch dann fiel ihm plötzlich etwas ein, das er bis jetzt vergessen, oder zumindest verdrängt hatte. "Ich muss Ihnen etwas sagen, bezüglich Jess.. Irgendwie habe ich das vergessen, aber gerade fällt mir ein, dass Rea mal etwas erzählt hatte, zu Beginn der Entführung, als er einmal mit dem Kommissar geredet hatte.. Ich meine, Rea hat von dem Kommissar gesagt bekommen, dass sie einen Undercover Agent eingeführt hatten, der ermordet wurde.."
Er wollte nicht ins Detail gehen, sondern fuhr fort, das wichtigste zu erzählen: "Der Agent hat ihm noch erzählen können, dass dieser Kerl versucht hatte, Jess zu vergewaltigen. Wohl gemerkt, VERSUCHT! Genaueres hab ich nicht mehr in Erinnerung, es ist zu lange her, vielleicht können Sie Rea darüber befragen, wenn er dazu in der Lage ist, aber daran kann ich mich jetzt wieder erinnnern, dass er das gesagt hatte."
Jennifer blickte ihn an. Das erklärte alles. Sie konnte sich jetzt denken, was mit Jess los war. Dann sagte sie: "Nun wird mir klar, weshalb Jess so auf Rea reagiert hat, als er bei ihr war. Ich habe es zwar nicht selbst gesehen, aber ich kann mir denken, dass es ein so genannter "Flashback" war." "Ein was?" fragte Alec nach, der sich zwar dunkel daran erinnern konnte, das Wort schon einmal gehört zu haben, aber dennoch nicht wirklich etwas damit anfangen konnte. Jennifer erklärte es ihm geduldig, während sie voller Mitgefühl auf Jess schaute: "Eine Art "Rückblick"; eine zu Bildern gewordene Erinnerung. Meistens tatsächlich im Schockzustand, wie Rea es sich bereits gedacht hat, und doch ist es mehr als ein "Schock". Die Opfer sehen die Bilder nicht nur vor ihrem geisigen Auge; sie halten diese auch für real und, was das grausamste ist, sie SPÜREN auch alles!
Ich fürchte, dass Jess Rea in diesem Augenblick nicht gesehen, nicht einmal registriert hat, sondern vermutlich den Mann, der sie versucht hat, zu vergewaltigen. Durch dieses erneute Verbrechen an ihr, ist alles wieder hoch gekommen, was sie in den letzten Jahren eigentlich schon verarbeitet hatte.. Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber ich fürchte, sie steht wieder bei Null.. Sie hat Erinnerungen in sich, und sie kann diese nicht von der Realität unterscheiden. Wie lange das schon so geht, weiß ich nicht, aber es kann gut sein, dass sie bereits in ihrer Gefangenschaft mehrere dieser "Rückblicke" gehabt hat. Um das zu erfahren muss ich natürlich mit ihr reden, was bedeutet, dass sie es überstehen muss, was ja nicht gesagt ist.." Sie blickte wieder zu Jess herüber.

Es war still im Raum. Alec versuchte, Jennifers Worte zu verdauen. Also das war es: Der "Schock", den Rea miterlebt hatte, war ein so genannter "Flashback", in dem Jess Rea als den Täter "identifiziert" hatte, der sie gerade vergewaltigen wollte? Ihn fröstelte es. Er stellte Jennifer die Frage, und ihre Antwort schockierte ihn noch mehr: "Nein, ich denke, Sie haben mich falsch verstanden oder ich habe es nicht richtig ausgedrückt: Leider ist es noch viel schlimmer.. Der Flashback bezieht sich auf die Erinnerung, also das, was mit ihr geschehen ist, und das kann auch in der Zeit VOR der Entführung liegen. Ich fürchte, so, wie Ihr Freund das beschrieben hat - auch, wenn ich es nicht gesehen habe - wird es wohl eher so gewesen sein, dass sie sich eine erneute Vergewaltigung eingebildet hat, durch wen auch immer, als sie Rea gesehen hat. Es  tut mir leid, ich weiß, die Vorstellung ist hart, aber um es noch einmal klar zu sagen: Sie wurde, in ihrer Vorstellung, erneut vergewaltigt, als sie Rea erblickt hat, es passt einfach alles, auch, wenn ich sie nicht befragen kann.."
Alec starrte sie an. Nach einigen Minuten sagte er in rauem Ton: "Das darf Rea niemals erfahren! Es würde ihn umbringen, wenn er erfährt, was wirklich mit ihr geschehen ist, in diesem Moment; bitte!" "Halten Sie das für gut? Sie wissen, was Rea von Ehrlichkeit hält..." "Zumindest momentan! Ich habe ihn gesehen. Sein seelischer Zustand ist alles andere als gut! Er hat noch keine Ahnung, was das genau für ein Schock war, jedenfalls hat er mir gegenüber alles nur sehr schwammig berichtet. Wenn er das gewusst hätte, hätte er anders gesprochen. Aber es war so schon schlimm genug. Er ist kurz vor einem erneuten Zusammenbruch, das hatte er schon einmal! Ich will nicht, dass er erfährt, dass ER der Auslöser für SO ETWAS war! Vielleicht kann er sich denken, dass es so etwas gewesen ist, ich weiß es nicht. Aber er braucht keine Bestätigung dafür. Jetzt nicht! Jetzt ist er bei Lia und solange er dort bleibt, will ich ihn ohnehin nicht stören. Sollte er wieder hierher zurück kommen und Ihnen begegnen, dann halten Sie das Wissen bitte noch für sich! Ich bitte Sie darum!"

Alec hatte so eindringlich geprochen, dass Jennifer schließlich seufzend nickte. Sie hatte immerhin ärztliche Schweigepflicht, damit könnte sie es erklären. Aber dann musste sie selber lautlos lachen; sie hatte ja gerade definitiv dagegen verstoßen, in dem sie Alec davon erzählt hatte. Und sie wusste, wie Rea reagieren würde, wenn er es denn irgendwann erfahren sollte, und auch, dass Alec es gewusst hatte. Dennoch nickte sie. "In Ordnung. Ich kann Ihnen zumindest versprechen, dass ich es einige Zeit erst einmal nicht erzählen werde. Zudem möchte ich mir selbst erst einmal ein Bild von ihm machen. Vielleicht gehe ich jetzt auch einmal zu ihm und Lia?" Alec schüttelte den Kopf. "Ich denke, er will alleine mit ihr sein. Sie sollten das akzeptieren! Im übrigen können Sie  momentan weder etwas für Jess, noch für Lia tun - vielleicht ja nie wieder..." Jetzt, wo er alleine war, kamen bei ihm die negativen Gefühle hoch, die er Rea gegenüber verschweigen wollte. Auch, um seinem Freund Mut zu machen. Dennoch spürte auch er langsam eine wachsende Hoffnungslosigkeit.
Jennifer blickte ihn an und antwortete: "So dürfen Sie nicht denken, Alec. Ich gehe davon aus, dass Sie Rea etwas anderes erzählen würden, wenn dieser Ihnen dasselbe sagt? Hören Sie, ich verspreche Ihnen, dass ich Rea nicht stören werde, wenn er bei Lia im Zimmer ist, aber irgendwann wird er raus kommen, und dann möchte ich ihn sprechen. Ich weiß nun genug - und ich werde dann entscheiden, was und wie viel ich ihm erzählen werde, vertrauen Sie mir, bitte! Bleiben Sie jetzt und hier bei Jess und geben ihr Beistand. Noch ist nichts verloren. Solange diese Apparaturen ihren Herzschlag noch anzeigen, solange ist sie noch am Leben!" Damit nickte sie und dann verließ sie den Raum. Alec schaute ihr hinterher. Hoffentlich wusste sie wirklich, was sie tat. Aber andererseits war sie die Psychologin, und sie würde entscheiden können, ob sie Rea die Wahrheit über Jess' "Schock" erzählen konnte, oder nicht.
Ihn fröstelte es: "Was hast du nur "gesehen", Kleines", wiederholte er noch einmal und strich ihr erneut durch ihr rotes, heißes Gesicht. Dann blickte er zum Herzmonitor und es war beinahe wie ein Bann, aus dem er nicht mehr heraus kam, in dem er immer und immer wieder die Herzfrequenzen beobachtete. Das stetige Tuten beruhigte ihn irgendwie, doch gleichzeitig machte ihn der Dauerton des Beatmungsgerätes beinahe wahnsinnig. Langsam wusste er, wie Rea sich fühlen musste - doch vermutlich noch um ein Hundertfaches schlimmer, mit seiner zusätzlichen Angst um Lia...

 

Währenddessen war Jennifer zum anderen Trakt gegangen und hatte nach Lia Dixons Zimmer gefragt. Nachdem eine Schwester ihr dieses gezeigt hatte, setzte sich Jennifer auf einen der Stühle direkt neben der Tür. Sie würde Rea jetzt selbstverständlich nicht stören, es ging ihr auch weniger um Lia, ehrlich gesagt, denn diese junge Frau kannte sie nicht; sie wusste nur, dass diese ebenfalls Hilfe brauchen würde. Doch ob sie diese von ihr annehmen würde, konnte sie nicht wissen. Doch jetzt und hier wollte sie Rea besuchen. Wollte sehen, wie es ihm ging und ob sie etwas für ihn tun konnte. Vermutlich war dies so, aber würde ER ihre Hilfe annehmen? Und wie viel Wahrheit würde er ertragen können? Sie würde es sehen, sobald er das Zimmer verlassen würde...

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Christal, 31
Traumland