Trauma

Rea war, kurz nachdem er sich noch einmal liebevoll von Lia verabschiedet hatte, und bevor er definitiv gegangen war, noch einmal zu Jess herüber gegangen und hatte gesehen, dass sie eingeschlafen war. Dann hielt er sich nicht lange bei ihr auf, sondern zog den Vorhang, der zwischen den beiden jungen Frauen hing, um die Zimmerhälften zu trennen, ganz zu, damit einmal Jess in Ruhe weiter schlafen konnte - sie brauchte den Schlaf dringend - und damit Lia mit Valerie ungestört sein konnte. Ihm war klar, dass Lia vermutlich tatsächlich ein wenig eifersüchtig auf Jess und ihre Freundinnen gewesen war, auch, wenn ihm nicht ganz klar war, weshalb. Dennoch brauchte auch sie jemanden - außer ihm - der ihr vertraut war, und das war Valerie von allen hier am meisten. Vielleicht redete sie mit ihr sogar mehr, als sie mit ihm reden würde? Er nahm sich vor, Valerie später noch einmal wegen der Worte des Kommissars anzusprechen; auch ihm waren Lias Blicke ja nicht entgangen... Und er machte sich auch darüber Gedanken. Doch jetzt war erst einmal Feierabend, und er zwang sich, nach Hause zu gehen. Auch er brauchte Ruhe...

Jess war zuerst tatsächlich eingeschlafen; doch langsam erwachte sie, wie durch einen leichten Schleier. Sie wusste zuerst nicht wirklich, wo sie war; und was sie hörte waren Stimmen, die sie auch nicht wirklich einordnen konnte. Meinte sie jedenfalls; bis sie schließlich zumindest Lias Stimme erkannte, die sich anscheinend mit einer anderen jungen Frau unterhielt. Die kam Jess jetzt nicht bekannt vor, und sie drehte langsam ihren Kopf in die Richtung, aus der sie die Stimmen und das Lachen hörte. Doch sie konnte nicht viel sehen, der Vorhang war zugezogen, so dass sie nur zwei Silhouetten, einmal die ihrer Freundin - und Leidensgenossin - sehen konnte, die in ihrem Bett lag, und neben ihr eben diese fremde Person.
Jess drehte den Kopf wieder zurück und schloss die Augen wieder. Anscheinend waren sonst alle gegangen, vermutlich, weil sie so müde gewesen war, und als sie eingeschlafen war, war Lias Freundin gekommen. Sie wollte wieder einschlafen, doch so schnell wie zuvor ging es dieses Mal nicht. Leider kam sie nicht umhin, einige Sprachfetzen von dem mitzubekommen, worüber sich Lia und die andere gerade unterhielten. Und Jess hielt den Atem an, als sie langsam begriff, was sie da gerade redeten - beziehungsweise über wen...
"Ich hoffe, die ist wirklich am pennen", hörte sie eine fremde Stimme, und nach einigen Sekunden antwortete Lia: "Kein Stress, ihre dämlichen Freundinnen haben sich schon verpisst, weil die ja so müde war". "Meinst du dumm und dümmer? Dann bin ich ja froh, dass ich fast keinen Parkplatz mehr bekommen habe, dann muss ich mir die nicht auch noch antun..."

Zuerst hatte Jess das Gefühl, dass ihr der Kopf zerplatzte, als ob eine Feuerwalze hindurch fegen würde - und sie verstand auch nicht, von was oder wem die beiden da redeten, bis ihr klar wurde, dass mit "dämliche Freundinnen" und "Dumm und Dümmer" wohl ihre besten Freundinnen gemeint waren. SO dachte und redete Lia über Dana und Steffi?
Sie konnte es kaum glauben. Ihr war nicht klar, weshalb Lia so hasserfüllt und verachtend über ihre besten Freundinnen sprach, im Grunde kannten sie sich überhaupt nicht richtig. Allerdings wusste Jess auch, dass Dana und Steffi ebenfalls keinen großen Wert darauf legten, Lia näher kennen zu lernen, das war schon ziemlich früh klar gewesen, als sie sich einmal getroffen hatten. Die Chemie stimmte einfach nicht, und das akzeptierte sie auch, aber dass Lia so über ihre Freundinnen sprach, das war echt nicht in Ordnung...

Doch es wurde noch schlimmer. Was Jess als nächstes hörte, zog ihr beinahe die Füße weg. Sie hörte, wie Lias Freundin, mit etwas leiserer Stimme, aber immer noch gut zu hören, fragte: "willst du dich an dem Kerl rächen, der dich hierher gebracht hat?"
Jess hielt den Atem an; was war das jetzt für eine Scheiße? Dann hörte sie Lias Antwort: "Der Arsch hat mir seinen fucking Namen in meine Haut geschnitten. Er hat schlimmeres als den Tod verdient..."
Jess konnte kaum noch atmen. Was sie da gerade hörte, konnte doch nicht echt sein? In ihren Ohren pfiff ein Heulton, und sie konnte ein paar Wortfetzen nicht mehr verstehen, doch dann ging es weiter: "...eine Waffe, um ihm eine Kugel in den Schädel zu jagen, 50 Schuss, du kannst ihn zu einem menschlichen Sieb machen..."
Wieder pfiff es in Jess' Ohren und ihr Kopf begann zu dröhnen. Sie hatte das Gefühl, in einem Alptraum zu stecken, ja, das war bestimmt wieder der Beginn eines Flashbacks; sie erwartete beinahe sekündlich, IHN vor sich zu sehen, der über sie herfallen würde - und kniff die Augen zusammen. Doch es geschah nichts dergleichen, außer, dass sie weiter hören konnte, was die beiden miteinander sprachen. Und die einzigen Töne, die noch zu hören waren, war der stetige Ton ihres Herzschlags, der immer schneller schlug, während sie entsetzt zuhörte: "Je mehr er leiden muss, umso besser. Die Bullen dürfen ihn bloß nicht vorher finden, sonst kommt er nur in den Knast, und das wäre nicht im Ansatz Strafe genug."

Jess öffnete ihre Augen wieder. Sie blickte wieder zu Lia herüber, und sie sah, wie die Silhouette ihrer Freundin näher an diese heran gekommen war. Sie saß ihr jetzt ziemlich nahe.
Jess überlegte, ob sie etwas sagen sollte, um diese furchtbare Unterhaltung zu stoppen, aber ihr Hals war wie zugeschnürt. Außerdem hielt sie sich immer noch in der Hoffnung auf, dass es nur ein furchtbarer Traum sein konnte. Es MUSSTE einfach so sein!
Doch es ging noch weiter. Die weiteren Sätze waren noch grauenvoller als die vorigen, die sie schon gehört hatte. Sie konnte kaum fassen, was sie als nächstes von Lia hörte. Nach einem, für sie unverständlichen "Witz", irgend etwas mit Seife, hörte sie Lia sagen: "Wenn du unbedingt wissen willst, wie es ist, gegen deinen Willen geknallt zu werden, musst du nebenan nachfragen. Die Kleine hat ne Menge Erfahrung"...

Jess versteifte sich. Es fühlte sich an, als wenn eine Riesenwelle über ihr zusammen brach, und sie ertränkte. Sie konnte tatsächlich für eine Sekunde nicht mehr atmen, doch es war anscheinend nicht schlimm genug, dass ihre Apparate etwas anzeigten. Körperlich war sie - noch - in Ordnung, doch psychisch fiel gerade wieder alles in sich zusammen. Das konnte Lia nicht gerade gesagt haben! Das war nicht real gewesen... Jess wusste, dass sie und Lia nicht so dicke und fest befreundet waren wie sie mit Dana und Steffi, dennoch hatte sie diese, seit ihrem Kennen lernen, immer als gute Freundin angesehen, zumal sie etwas gemeinsam hatten. Sie beide hatten Leid erfahren, auch vorher schon, deswegen waren sie in Selbsthilfegruppen, auch in einer gemeinsamen! Und sie hatten das alles gemeinsam durchlitten - und jetzt redete sie SO über sie?

Jess spürte, wie Tränen aus ihren Augen strömten, doch sie versuchte, sich zusammen zu reißen. Sie wollte nicht auffallen, weder bei den beiden, noch bei den Ärzten, denen sie sicherlich irgendwann auffallen würde, wenn sich ihre Puls- und Blutdruckwerte veränderten. Also versuchte sie, wieder ruhiger zu werden und sich zu entspannen. Doch es funktionierte nicht wirklich. Und einschlafen konnte sie immer noch nicht, also hörte sie - unfreiwillig - was Lia und ihre Freundin noch alles über "dumm und dümmer" - die Bezeichnung für ihre besten Freundinnen, Dana und Steffi, fiel immer wieder - ablästerten. Lia sagte: "Und stell dir vor, die noch dümmere von den beiden kommt tatsächlich hier an und zerdrückt die "Geknallte" hier beinahe... Und die kriegt noch so ne Art "Flashback" oder was auch immer... Meine Güte, echt.. Weißt du, was ich mitgemacht habe? In meiner Vergangenheit? Und die kriegt nen Erinnerungsschub, nur weil ihre blöde, hirnlose Freundin sie umarmt? Heilige Scheiße, ehrlich..." Und die beiden lachten dreckig.
Wieder versteifte sich Jess. Ihre Tränen kamen, sie konnte sie nicht aufhalten. Dennoch weinte sie leise. So leise, dass keine von beiden etwas bemerkten. Schließlich war Feierabend, und Valerie musste gehen. In der Zwischenzeit waren Jess' Tränen getrocknet, und sie war, entgegen ihrer ersten Befürchtungen, tatsächlich wieder eingeschlafen. Weder Lia noch Valerie hatten bemerkt, dass sie alles, oder das meiste, von ihrer Unterhaltung mitbekommen hatte, sonst wäre keine von ihnen so gelöst gewesen...


In der Nacht kamen die Träume. In der Zwischenzeit war auch Lia eingeschlafen, nachdem sie noch einmal über Valeries Worte nachgedacht hatte. Sie hatte eine Waffe für sie! Ihr wurde ganz warm ums Herz, als sie sich vorstellte, was sie damit alles anstellen konnte. Sie würde diesen Kerl leiden lassen! Und wie sie ihn leiden lassen würde. 50 Schuss waren noch viel zu wenig für ihn! Mit diesen wohlig warmen Gedanken schlief sie ein.
Währenddessen ging es Jess immer schlechter. Sie war zwar ebenfalls eingeschlafen, aber im Schlaf überrannten sie die Träume. Sie "hörte" Sprachfetzen, immer und immer wieder hörte sie Fetzen von dem, was Lia und Valerie tatsächlich miteinander besprochen hatten: "50 Schuss.. menschliches Sieb... Die "Geknallte" da..." Und Jess "sah" in ihrem Traum, wie Lia vor ihr stand - und sie mit eben dieser Waffe bedrohte.. Sie stand da - und dann drückte sie ab...
Jess schrie. Es war ein gellender Schrei, der Lia weckte und sie erst einmal völlig orientierungslos senkrecht im Bett aufrichten ließ. "Heilige Scheiße, was ist das denn jetzt?" fragte sie, und hörte, wie die Tür aufgestoßen wurde. Sie hörte Füße, die zur anderen Seite trappelten, und blickte zum - immer noch - zugezogenen Vorhang. "Jess?" fragte sie, mit leicht klopfendem Herzen. Was war denn jetzt schon wieder los? So langsam gingen ihr diese ständigen Anfälle ihrer Zimmernachbarin aber gelinde gesagt auf den Zeiger. Darauf, dass dieser hier etwas mit ihrem Gespräch mit Valerie zu tun haben könnte, kam sie beim besten Willen nicht. Dafür hatte Jess schon zuvor zu viele "Flashbacks" gehabt, vermutlich war das wieder einer.. Sie ließ sich wieder zurück sinken und schloss erneut die Augen. Die Ärzte würden das schon wieder hinkriegen. Dachte sie jedenfalls...

Zusammen mit den Ärzten, die das Zimmer stürmten, war auch der Polizist eingetreten, der nachsah, ob es eine Gefahr gab, wegen der die junge Frau geschrien hatte. Doch er sah nichts außergewöhnliches, so verließ er den Raum wieder.
Die Ärzte waren in der Tat erschrocken bis beinahe erschüttert, dass es anscheinend wieder einen Anfall bei der Patientin gegeben hatte. Sie war auf dem Weg der Besserung gewesen. Ihr Fieber, das zu Beginn auf Grenzwert zum Tode gestiegen war, war wieder auf beinahe Normalwert gesunken. Jess hatte noch ein wenig erhöhte Temperatur, aber sie waren sich sicher, dass sie diese auch weiter senken konnten. Doch nun war ihr anzusehen, dass es erneut gestiegen war. Sie hatte sich versteift, ihre Augen waren offen, und sie reagierte nicht; es war wie in einem Flashback, nur, dass es dieses Mal keiner war... Jess "sah" dieses Mal nicht ihren Peiniger vor sich, sondern Bilder von Lia. Lia, wie sie mit der Waffe vor ihr stand, auf sie schoss  - und das immer, und immer wieder... Aus ihren Augen rannen erneut die Tränen, und dieses Mal sahen es die Ärzte, doch sie konnten es sich nicht erklären. Einer von ihnen rief den anderen zu, welches Medikament sie Jess geben sollten. Sie sahen, dass ihre Haut erneut gerötet war, das Fieber stieg. Sie mussten erneut Medikamente geben, die das Fieber sanken, doch dieses Mal war es einfacher, da sie keine Drogen mehr im Blut hatte.
Wenigstens das nicht mehr... Doch keiner konnte sich diese Reaktion erklären. Einer der Ärzte ging herüber zu Lia, um nach ihr zu sehen, und sie gegebenenfalls zu fragen, ob sie es ihnen erklären konnte; doch sie schien zu schlafen. "Die schläft", sagte er, und die anderen sahen ihn an: "Trotz des Lärms, die diese junge Frau hier gemacht hat? Wow, Kunststück.." "Oder gute Medikamente", erwiderte der anderen, und es wurde ein wenig gelacht. Aber dann rissen sich die Ärzte wieder zusammen. "Wir müssen ihr Fieber wieder unter Kontrolle bringen. Man, irgend etwas MUSS doch passiert sein... Vielleicht sollten wir die Psychologin holen, damit die sich noch mal mit der beschäftigt?" "Ja, aber erst Morgen früh. Jetzt muss sie erst einmal schlafen."

Die Ärzte hatten Jess zusätzlich Schlafmittel gespritzt und langsam entspannte sich ihr Körper wieder. Sie konnten erkennen, dass sie sich wieder entspannte. Einige Minuten beobachteten die Ärzte noch ihre Werte, dann waren sie einigermaßen zufrieden. "Gut" waren sie immer noch nicht, vor allem, war ihre Temperatur anging, aber sie konnten vorerst nichts tun, außer sie - wieder - schlafen zu legen. Eigentlich hatten sie gedacht, sie wäre endlich auf dem Weg der Besserung. Aus irgend einem Grund hatte es einen Rückfall gegeben. Und keiner von ihnen konnte sich den Grund wirklich erklären. War es nur ein einfacher Traum gewesen? Dann half vermutlich wirklich nur diese Psycho-Tante... Die Ärzte nahmen sich vor, diese am nächsten Tag zu kontaktieren...


Der nächste Tag kam. Lia war bereits wach und wartete auf Rea, der direkt bei Besuchsbeginn wieder kommen wollte. Sie sah direkt beim Aufwachen, dass der Vorhang, der ihre und Jess' Seite trennte, immer noch zugezogen war. Ein wenig Sorgen machte sie sich schon um Jess, nach dem, was letzte Nacht passiert war; doch die Ärzte hatten sich ja um sie gekümmert, und Jess würde auch heute wieder ihre Besuche bekommen; Rea sollte sich heute einmal ganz und gar um sie kümmern! Das wäre nur gerecht. Doch leider kam es nicht dazu.
Natürlich hatte sich Rea direkt am frühen Morgen aufgemacht, um zu Lia und Jess ins Krankenhaus zu kommen. Er hatte am Abend noch einmal mit Valerie telefoniert, und mit Erleichterung gehört, dass es Lia soweit gut zu gehen schien, zumindest soweit Valerie das beurteilen konnte.
Dann kam er im Krankenhaus an, und sah auch seine Freunde von Boss-Hoss und die Mädels, Dana und Steffi, die ebenfalls - im guten Glauben, jetzt wieder ihrer Freundin etwas Gutes tun zu können - gerade angekommen waren.
Als sie zusammen auf die Station kamen, war Rea erstaunt, dort, direkt vor dem Zimmer, Ärzte mit Jennifer zusammen stehen zu sehen. Er kniff die Augen zusammen. Was war denn da los? Wieso war Jennifer jetzt schon hier und vor allem, was hatte sie mit den Ärzten zu bereden? Er räusperte sich. "What is going on here?"

Jennifer kam auf ihn zu. In ihren Augen stand die Sorge extrem groß geschrieben: "Rea, es ist etwas passiert... Ich weiß selbst noch nicht genau was; ich bin gerade erst informiert worden, und auch noch nicht so lange hier, aber so wie es aussieht, hat Jess in der Nacht wieder einen Anfall gehabt. Keiner der Ärzte kann es sich erklären, sie war ja bereits auf dem Weg der Besserung... So weit man das sagen kann; aber jetzt ist wohl irgend etwas geschehen, das ihren Zustand wieder verschlechtert hat..." "What has happend?" fragte Rea, aufs äußerste alamiert. Einer der Ärzte antwortete ihm: "Das wüssten wir auch gerne... Keiner hat eine Ahnung, was da mit ihr passiert ist. Bis heute Nacht war eigentlich noch alles in Ordnung - und dann hat sie furchtbar geschrien; als wir ins Zimmer gekommen sind, hatte sie, wie die Psychologin schon sagte, einen erneuten Anfall. Es sah beinahe aus wie ein erneuter Epilepsie-Anfall, aber wenn, dann war es nur ein kleiner. Jedenfalls haben wir das mittlerweile unter Kontrolle bekommen; aber ihr Fieber ist wieder gestiegen. Wir waren froh, dass wir das mittlerweile herunter bekommen haben, es war beinahe wieder auf Normaltemperatur... Aber jetzt ist es wieder auf beinahe 40 Grad angestiegen.. Wir können es uns nicht erklären - und die andere junge Frau hat anscheinend auch nichts mitbekommen, als wir einmal nachfragen wollten, hat sie geschlafen. Eventuell war das auch bei ihr den Medikamenten zu "verdanken", jedenfalls konnte sie uns auch heute Morgen nicht wirklich behilflich sein.. Also, um es auszusprechen: Wir brauchen eventuell Ihre Hilfe", er wandte sich an Jennifer, "denn physisch gab es absolut keinen Grund für diese Art von Rückfall.. Das kann nur wieder etwas psyschisches sein..." setzte er noch nach.

Rea ließ sich gegen die Wand fallen. Er war so erleichtert gewesen, dass es Jess anscheinend besser ging. Nicht "gut", beileibe nicht, aber immerhin besser. Und jetzt so etwas? "Aber irgend eine Grund muss es doch gegeben haben..." setzte er an, doch der Arzt unterbrach ihn. "Vermutlich gab es den auch, ja. Aber keiner von uns kennt ihn. Deswegen möchten wir Frau Goldhaar bitten, sich darum zu kümmern. Deswegen haben wir Sie informiert." "Können wir zu Jess?" fragte Rea. Besorgnis stand in seiner Stimme, wie schon so oft zuvor auch.
Der Arzt sah ihn an: "Momentan schläft sie, wir haben ihr Medikamente geben müssen. Auch, gegen das Fieber. Es ist immer noch zu hoch, auch, wenn es wenigstens nicht mehr steigt. Zumindest hast sie keine Drogen mehr im Blut, wie zu Beginn, so dass es einfacher ist, ihr Medikamente gegen das Fieber zu geben. Also, ich denke, sie wird noch circa eine Stunde schlafen, dann wird sie langsam aufwachen. Aber ich sage es Ihnen direkt: Ich möchte nicht, dass Sie alle bei ihr sind, wenn sie aufwacht. Sie" er zeigte auf Jennifer, "können zu ihr. Sie sollten sogar bei ihr sein, um sie zu beruhigen, wer weiß, was passiert, wenn sie wach wird. Außerdem bekommen sie vielleicht ja raus, was in sie gefahren ist... Und Sie", er zeigte auf Rea, "könnten sich ja dann mit der anderen jungen Frau beschäftigen. Sie allerdings", er zeigte auf Alec, Sascha und die Mädchen, "möchte ich bitten, zu gehen. Es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht verantworten, dass zu viele bei ihr sind, das wird sie vermutlich überfordern. So einen Anfall wie diese Nacht übersteht sie vielleicht nicht noch einmal", setzte er noch hinterher.

Dana und Steffi waren geschockt. Sie hatten sich so auf den Besuch bei ihrer Freundin gefreut, auch, wenn ein Krankenhausbesuch jetzt nicht besonders "schön" war, doch für Jess war es etwas schönes, wenn sie für sie da waren. Und außerdem hatten sie ja gedacht, sie wäre auf dem Weg der Besserung. Und jetzt das!
Auch Alec und Sascha waren blass geworden, doch sie verstanden. Sie nahmen Dana und Steffi mit sich, und verabschiedeten sich von Rea, der immer noch an der Wand lehnte. "Hey, das wird schon wieder..  Ruf uns an, wenn ihr was genaueres wisst, okay?" "Ja, sag Bescheid, wenn wir sie wieder besuchen kommen können; bitte!" bat auch Dana und Rea nickte nur. Für ihn war klar, dass er nicht gehen würde. Ja, er würde natürlich zu Lia gehen, aber er wollte auch wissen, was das jetzt für eine Scheiße mit Jess war. Auch er wusste, dass es ihr in der letzten Zeit etwas besser gegangen war, und jetzt das? Was war nur passiert?

Jennifer sah ihn an, dann legte sie eine Hand auf seine Schulter und sagte: "Ich geh rein und setz mich schon mal zu ihr, so wie zuvor auch schon.. Geh du ruhig zu Lia, vielleicht hat sie ja doch was gesehen, oder bemerkt, und hat es nur den Ärzten nicht erzählt? Frag du sie mal, zu dir hat sie sicherlich mehr Vertrauen..." Mehr sagte sie nicht, dann öffnete sie die Tür und lief zu Jess herüber, ohne Lia eines Blickes zu würdigen. Sie wusste ohnehin, dass diese sie nicht besonders gut leiden konnte, um es vorsichtig auszudrücken, und Lia war zudem gerade nicht wichtig. Jess war es. Dann nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich neben Jess, um darauf zu warten, dass diese aufwachte. Rea ging langsamer in das Zimmer und blickte hinter den Vorhang zu Jess. Seine Kehle war wieder wie zugeschnürt, als er sie sah. Er konnte es kaum fassen, nach dem gestrigen Tage.. Dann riss er sich zusammen, vor allem, weil er Lias Stimme hörte, die seinen Namen rief. Er ging zu ihr, und setzte sich neben sie. Doch er war neben sich. Es hielt ihn nicht lange auf dem Stuhl, er stand wieder auf und öffnete den Vorhang, so dass er Jennifer sehen konnte, wie sie neben Jess' Bett saß. Noch schlief Jess, doch er hoffte, dass sie bald aufwachen würde. Dann ging er wieder zu Lia, doch er ließ Jess nicht aus den Augen, die sie ja nun wieder sehen konnten. "Was is here passiert, Supergirl? What has happend to her?" sagte er leise, beinahe mit Tränen in den Augen. "Ich habe keine Ahnung, das habe ich den Ärzten doch schon gesagt! Sie hat plötzlich, ohne erkennbaren Grund, angefangen zu kreischen! Danach kamen die Ärzte.. Mehr weiß ich nicht, ehrlich. Geht es ihr immer noch nicht besser?" fragte sie nach, und sah selbst einmal herüber. Doch als sie Jennifer bei ihr sah, kamen wieder kurz andere Gefühle hoch.

Währenddessen saß Jennifer weiterhin neben Jess und wartete. Schließlich regte sich Jess wieder. Nach wenigen Sekunden öffnete sie schließlich die Augen und war erst einmal neben sich. Sie hatte glasige Augen, das Fieber war zwar wieder etwas gesunken, aber es war immer noch zu hoch. Jennifer fühlte ihre Stirn, sie war heiß. "Hey... Ich bin hier, Kleines", "und ich auch", antwortete Rea, von der anderen Seite. Lia verdrehte kurz die Augen. Verdammt, jetzt war Rea schon neben ihr, und kümmerte sich immer noch um Jess! Wann würde das endlich aufhören? Doch sie sagte - vorerst - nichts.
Jess hatte sich zu Rea - und Lia - herüber gedreht, als sie Reas Stimme gehört hatte. Die Erinnerung überkam sie. Der Schmerz überrollte sie erneut, und wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen, dieses Mal sah es Jennifer. Sie drehte ihren Kopf zu sich herum: "Jess.. Was um Himmels Willen ist denn los? Was hast du? Sag es mir, bitte! Hattest du einen erneuten Flashback? Wenn ja, dann rede mit mir!"
Ihre Stimme war so eindringlich, dass Jess tatsächlich einmal kurz darüber nachdachte, ihr alles zu erzählen. Das Gespräch zwischen Lia und ihrer Freundin, das sie gehört hatte, zumindest die Fetzen, die sie mitbekommen hatte.. Doch dann überlegte sie es sich doch anders. Sie wusste immer noch nicht, ob sie es sich vielleicht doch nur eingebildet hatte. Was, wenn es doch nur ihrer verquasten Phantasie entsprungen war? Es konnte doch nicht so sein, dass Lia so von ihr sprach? Das konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Und das andere? Wieder hielt sie kurz den Atem an; die Vorstellung, dass Lia an Rache dachte - und diese Freundin ihr eine WAFFE besorgt hatte - denn so hatte sie es verstanden - die Vorstellung ging über ihren Verstand hinaus. Das konnte sie sich doch nur eingebildet haben! Und dann fühlte sie selbst, dass sie Fieber hatte. Ihr Kopf platzte beinahe, vermutlich hatte sie alles nur geträumt...

Sie blickte Jennifer an: "Ich, ich weiß nicht... Ich, ich glaube ich hatte einen schlechten Traum..." Lia hüstelte leicht, es klang so, als hätte sie sich verschluckt. Ihre Gedanken behielt sie für sich; sie wusste ja, dass Jess viele "schlechte Träume" hatte. Rea fragte sie: "alles okay?" Lia riss sich wieder zusammen und antwortete: "Gar nichts, schon gut. Ich würde jetzt gerne mit dir über was Nettes quatschen, geht das? Kannst du den Vorhang nicht wieder zuziehen? Die Alte kümmert sich doch um Jess..." setzte sie an, und Rea sah sie erneut merkwürdig an. Dann wollte er antworten: "Lia..." "Schon gut, die "Alte" macht das schon... Vielleicht ist es besser, wenn der Vorhang zu ist! Für Jess!" antwortete Jennifer, und stand auf um ihn wieder zuzuziehen. Sie hatte keine Ahnung, wie Recht sie mit ihrer Hypothese hatte.
Dann setzte sie sich wieder hin. Etwas war nicht in Ordnung. Ganz und gar nicht in Ordnung. Sie glaubte Jess nicht, dass diese nur einen schlechten Traum gehabt hatte, dennoch musste sie damit weiter machen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen: "Okay... kannst du dich denn an den schlimmen Traum erinnern, Kleines?" Jess schüttelte den Kopf. Selbst wenn das, was da in ihrem Kopf immer noch zu hören war, und was sie immer noch verrückt werden ließ, vor Schmerzen, wenn das wirklich nur ein Traum gewesen sein sollte - was sie immer noch hoffte - würde sie das niemals vor Lia erzählen! Und auch nicht vor Rea! Und bei Lias Reaktion, als sie erzählt hatte, dass sie einen erneuten schlechten Traum gehabt hatte, wollte sie sich auch nichts einfallen lassen. Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß ihn nicht mehr... Es war, es war ein schlimmer Traum, aber ich kann mich nicht mehr erinnern.."

Jennifer blickte sie an. Auch, wenn sie Fieber hatte, und Jennifer wusste, dass Menschen mit Fieber durchaus auch Alpträume haben könnten, wusste sie instinktiv, dass das Fieber vermutlich erst NACH dem Traum entstanden war. Der Traum musste eine andere Ursache haben, und wenn sie von einem Flashback ausging - denn das tat sie - dann musste dieser eine Ursache haben. Doch welche, verdammt noch mal? Sie ging aufs Ganze: "Kleines, bitte. Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst.. Hast du wieder von IHM geträumt? Du weißt doch, dass niemand dir etwas tun kann. Du bist sicher! Ihr beide seid sicher!"
Jess wusste, wie gut Jennifer war. Sie hatte schon einmal ihre Schale geknackt, es schon einmal geschafft, ihren Kern aufzubekommen. Natürlich könnte sie weiter lügen, doch Jennifer kannte sie zu gut, um Rea auch. Auch wenn er bei Lia auf der anderen Seite war, Jess konnte seine Silhouette erkennen, und sie wusste, dass er sie hören konnte. Und er litt ebenfalls, wenn es ihr so schlecht ging, dass wusste sie schon aus der Vergangenheit. Auch ihm gegenüber war sie einmal verschlossen gewesen, sie erinnerte sich wieder an die Zeiten...
Nein, sie musste sich etwas einfallen lassen, und dann wusste sie es. Auch, wenn es ihr schwer fiel, aber wenn ihr Jennifer schon eine Steilvorlage dafür gab... Dann ging sie jetzt auch darauf ein, denn dass es NICHTS war, weswegen sie einen Rückfall erlitten hatte, würde ihr niemand glauben. Und sie wollte sich auch etwas anderes einreden. Vielleicht hatte sie ja tatsächlich von IHM geträumt, von diesem Bastard, und sie wusste es nicht mehr? Und alles andere war nur Einbildung gewesen? Sie würde es so gerne glauben...

Jess blickte beinahe unmerklich auf ihre Arme. Doch Jennifer sah es: "Jess?".. sagte sie leise, und Jess blickte zu ihr. Dann begann sie, langsam und leise zu reden: "Ja, ich.. Ich glaube ich habe von IHM geträumt.. Er, er hat mir wieder weh getan. Er war hier... Er, er hatte sein Messer in der Hand und.. und..." sie würgte unwillkürlich, und Jennifer setzte sich näher an sie heran: "Sch.. schon gut... Lass dir Zeit... Lass dir so viel Zeit du nur willst, ich bin hier"...
Jess atmete einmal tief durch, dann erzählte sie ihren - erdachten - Traum weiter: "Zuerst hat er meine Arme... Und dann lag er auf mir... Und dann war er IN mir... Und er hat immer, und immer wieder..." Dieses Mal überkam sie tatsächlich eine erneute Erinnerung,  ein Mix aus neuen und alten Tagen, und sie bäumte sich auf und begann zu keuchen. Jennifer merkte, dass sie aufhören mussten. "Jess, es ist gut.. Alles ist gut - es war nur ein Traum, Kleines, es war nur ein Traum, alles ist gut... Sch..." Sie nahm sie in die Arme. Langsam und sanft, und Jess entspannte sich wieder und ließ sich in sie fallen. Sie begann zu weinen. Nicht nur wegen des erdachten Traumes, und des erneuten Flashbacks, der sie nun tatsächlich überflutet hatte, sondern auch wegen der tatsächlichen Unterhaltung, die sie gehört hatte. Und sie wusste, tief in sich, dass es keine Einbildung gewesen war, doch sie wollte einfach immer noch daran glauben. Es DURFTE nicht wahr sein!

Und noch jemandem kamen die Tränen. Rea konnte es nicht mehr aushalten. Er sah kurz Lia an, und hoffte, dass sie Verständnis für das haben würde, was er einfach tun musste. Er ließ ihre Hand los und lief herüber zur anderen Seite des Vorhangs. Lia sah zu, wie Rea den Vorhang zur Seite schob, hinter ihn trat und sich auf der anderen Seite zu Jess auf das Bett setzte. "Hey, Kleines, ich bin's. Alles is good.. Alles okay... Wir sind alle here... Die Bastard kommt nie wieder eine von euch zu nahe! Not you, and not Lia! Believe me! Everything is good, you are safe!" Lia sah auch noch, wie Rea sich ebenfalls zu ihr setzte, und sie an sich zog. Auch er tröstete sie, und für einige Sekunden spürte Lia wieder ein Gefühl in sich, das nicht gut war. Sie wurde wütend, je länger es dauerte. 'Komm endlich wieder, sonst bleibt noch eine Kugel für Jess übrig...' Der Gedanke schoss so kurz durch ihren Kopf, dass sie selbst darüber erschrocken war. 'Mein Gott, was hab ich da gedacht?' fragte sie sich und sie spürte, dass ihr Puls in die Höhe schoss. Sie zwang sich, sich wieder zu beruhigen. Langsam wurde es wirklich Zeit, dass Rea wieder zu ihr kam; und dann sah sie irgendwann seine Silhouette wieder, als er sich vom Bett löste. Er gab Jess noch einen Kuss auf die Stirn, dann kam er wieder zurück zu Lia. "Tut mir leid, ich musste zu ihr... Sie ist so verzweifelt... My God... Ich wunschte, das hört endlich auf. Diese damn fucking flashbacks!" "Ja, das wünschte ich auch!" antwortete Lia, allerdings aus einem anderen Grund als Rea. Dieser ahnte natürlich nichts davon, und widmete sich nun auch wieder seinem Supergirl. Für den Rest des Tages blieb Rea bei Lia und Jennifer bei Jess, die sich auch wieder beruhigte. Sie hatte sich einen Traum erdacht, und sich wieder in Erinnerungen an die Vergangenheit verloren, im Grunde also wieder ein Rückschritt.. Dennoch wusste sie, dass sie Jennifer und auch Rea überzeugt hatte. Und vielleicht auch sich selbst? Je länger sie darüber nachdachte, desto größer wurden die Zweifel, ob das von ihr "gehörte" tatsächlich der Wahrheit entsprochen hatte. Vielleicht hatte sie tatsächlich "nur" von der Vergangenheit geträumt? Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie es sich beinahe wünschte, dass es so gewesen wäre; denn die Alternative war noch grauenvoller. Nein, das DURFTE nicht passiert sein. Lia war nicht so ein Mensch! Sie wollte es nicht glauben...

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Christal, 31
Traumland