Rick und Franko

Währenddessen blieb Rick alleine in der Hütte zurück und konnte es kaum fassen, dass dieser verdammte Mistkerl es tatsächlich gewagt hatte, ihn alleine zu lassen! Das hätte er diesem Weichei niemals zugetraut! Seine Schmerzen waren immer noch unbeschreiblich, und er wusste nicht, was er nun tun sollte. Hier bleiben war eigentlich zu gefährlich, aber ihm blieb keine Wahl. Er konnte sich kaum bewegen; zudem ihm dieser Dreckskerl auch noch die Pistole abgenommen hatte!
Dann fiel Rick etwas ein: Er war zwar schon gefühlte Ewigkeiten nicht mehr hier in der Hütte gewesen, aber er wusste noch, dass er einmal eine Zweitwaffe unter das Feldbett, auf dem er nun lag, versteckt hatte. Ob diese noch da war? Er konnte ja nun nicht weg, doch er musste sich verteidigen, sollte jemand die Hütte hier - und damit ihn - finden.
Also setzte er sich auf - zumindest versuchte er es - doch zuerst sank er unter Schmerzen erneut auf das Bett zurück. Dann riss er sich zusammen, es musste sein! Er versuchte es noch einmal. Langsam setzte er sich erneut auf, dann beugte er sich vor, die Schmerzen stiegen an, und er stöhnte auf. Der Schweiß trat aus seinen Poren, dennoch riss er sich zusammen und es gelang ihm tatsächlich, unter das Bett zu schauen. Die Pistole war noch da! Anscheinend hatte sie niemand entdeckt, sollte überhaupt jemand danach noch einmal hier gewesen sein.
Rick langte mit seiner gesunden Hand nach unten, und jaulte auf, als ein furchtbarer Schmerz durch seinen Lendenbereich zuckte. Die Verletzung da unten war immer noch am Schlimmsten.
Dennoch biss er weiterhin die Zähne zusammen und griff so schnell er konnte nach unten - und zog mit einem Ruck die Pistole hervor. Dann sank er erschöpft zurück auf sein Bett. Er kam sich vor wie nach einem Dauerlauf... Schweißüberströmt lag er auf dem Bett und hustete. Die Schmerzen stiegen erneut an, und er musste sich zusammen reißen. Ja, es sah verdammt übel aus, doch er wollte nicht aufgeben. Wenn er sich schon nicht mehr an Igor rächen konnte, für das, was dieser Dreckskerl ihm angetan hatte - was ihn schon sehr enttäuschte, er hätte es gerne langsam angehen lassen, der schnelle Tod war viel zu gut für ihn gewesen - dann würde er alles dafür tun, Franko zu finden und ihm das gleiche anzutun, wie Igor ihm angetan hatte. Er würde es bereuen, ihn hier einfach so alleine zu lassen. Vermutlich in der Hoffnung, er würde abkratzen! Doch den Gefallen würde er ihm nicht tun! Dieser Gedanke, und seine Hassgefühle ließen ihn bei Bewusstsein und gaben ihm neue Kraft...

Franko war auf dem Rückweg zur Hütte - und damit zu Rick. Was würde ihn erwarten? Um ehrlich zu sein war er immer noch hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken, doch noch zu flüchten, wie er es zuerst vorgehabt hatte, oder eben zu IHM zurück zu kehren. Noch war er nicht da, noch könnte er fliehen... Doch nein, er konnte es nicht. Es war nicht seine Art, einen Schwerverletzten einfach so liegen zu lassen, auch wenn es so jemand wie Rick war.
Dann war er an der Hütte angekommen und sorgte vorab erst einmal dafür, dass das Auto, das er gestohlen hatte, verschwand. Immerhin hatte er den "Vorbesitzer" nur ausgeknockt, und nicht, wie es Rick zweifelsfrei getan hätte, kaltblütig ermordet.
Kaum dachte Franko an Rick, zog er instinktiv seine Waffe, die er ihm vorab entwendet hatte. Eigentlich war Rick ziemlich handlungsunfähig, zumindest ging Franko davon aus, dennoch konnte man ja nie wissen. Da war es besser, er hielt sich bereit, gegen ihn vorgehen zu können, auch, wenn Franko nicht wirklich schießen wollte. Dennoch dachte er an seine Sicherheit. Im Notfall würde er es tun müssen; dennoch gab er sich der Illusion hin, dass Rick viel zu schwach war, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Und er würde ihn weiterhin behandeln, so lange, bis es Rick wieder besser ging, und dann würde er erneut verschwinden. Er hatte es schon einmal geschafft, sich ein Auto zu besorgen, er war sich sicher, dass er es noch einmal schaffen würde - soweit seine Pläne...

Als er in die Hütte eintrat, sah er Rick auf dem Bett liegen, er schien wach zu sein, starrte aber an die Decke. Mit dem, was dann geschah, hatte Franko nicht mal in seinen kühnsten Alpträumen gerechnet. Rick hatte wohl gehört, dass jemand in die Hütte eingetreten war - natürlich ohne zu wissen wer - und hielt innerhalb von wenigen Sekunden seine Waffe auf diesen "jemand" gerichtet.
Er hätte beinahe geschossen, doch im letzten Augenblick erkannte er Franko! "Du?" krächzte er, seine Stimme klang wie die einer Krähe, hohl und kratzig. "Was machst du hier; wolltest du nicht verschwinden? Hast du was vergessen?" Und sein Ton wurde dunkel, bedrohlich, böse.
Franko war geschockt. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass Rick eine Waffe hatte! Er hatte ihm seine doch abgenommen, woher hatte er diese Waffe?
Er selbst hielt eben diese noch in der Hand und zielte mit zitternden Händen auf Rick. Dieser sah ihn an und lachte auf. Es war ein trockenes Lachen, das ganz und gar nicht lustig gemeint war. Dann sah er Franko an und sagte, mit harter Stimme: "Du wirst niemals abdrücken, Kleiner! Dazu bist du viel zu feige! Und glaub mir, selbst, wenn du es versuchen solltest, ich bin wesentlich schneller als du! Also, leg die Waffe weg und komm her! NA LOS!" Das letzte hatte er gebrüllt.
Und Franko tat, was Rick ihm befahl. Er konnte - mal wieder  - nicht anders. Er hatte es sich selbst eingebrockt, und nun musste er eben mit den Konsequenzen leben. Die nächsten Stunden verbrachte er damit, Ricks Wunden erneut zu behandeln. Und Rick hielt ihn im Auge, er war schwer verwundet, aber sein Geist war hellwach, und Franko wusste, dass er nicht an die zweite Waffe heran kam. Es war hoffnungslos, und er fragte sich wohl schon zum hundertsten Mal, warum er nicht einfach abgehauen war und Rick seinem Schicksal überlassen hatte, jetzt konnte er es nicht mehr.

Rick war wach und machte ihm das Leben zur Hölle. Er konnte sich kaum bewegen, war aber trotzdem kräftig genug, um ihn mit der Pistole zu bedrohen, ihm Befehle zu erteilen und ihn herum zu kommandieren.
Während Franko ihn versorgte, hatte in Rick eine neue Idee Einzug gehalten. Er dachte bisher nur an die Rache, die er an seiner bisherigen Bande - sofern noch welche davon übrig waren - nehmen wollte. Dass wirklich alle tot waren, konnte er sich eigentlich gar nicht vorstellen, doch das würde er eventuell noch heraus finden. Selbst wenn es so war, würde er sich früher oder später noch an Franko rächen, und ihm das zukommen lassen, was er verdiente. Jetzt brauchte er ihn ja noch - und dann fiel ihm etwas anderes ein. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, und Franko sah es. Er bekam Gänsehaut, denn irgendwie kam ihm das Grinsen unangenehm bekannt vor.
Dann hörte er auch schon, wie Rick zu ihm sagte: "Du musst was für mich erledigen! Einen "Spezialauftrag". Und wehe, du versaust ihn!" Franko sah Rick verwundert an. "Einen Spezialauftrag? Was denn?" Rick zeigte Franko an, ein wenig näher zu ihm herunter zu kommen, und Franko tat es, auch, wenn er ein komisches Gefühl in der Magengegend hatte. Es sollte ihn nicht trügen. Rick nahm ihn am Kragen und drückte leicht zu. Trotz seiner Verletzung hatte er wieder eine neue Stärke erhalten.
Dann sagte er: "Hör mir zu, ich sage es dir jetzt nur einmal: Ich will, dass du heraus findest, wo die beiden jungen Frauen sind, die ich so "gern gehabt habe".. Ich nehme an, ihr habt sie "entsorgt" - und du weißt doch bestimmt auch noch wo, oder? Schau, ob sie noch da sind - und wenn ja, dann machst du Fotos von ihnen und gibst sie mir! Verstanden?"
Franko starrte ihn ungläubig an. Rick wollte Fotos von den - vermutlich toten - jungen Frauen, die sie im Wald abgelegt hatten? Das war gefühlte Ewigkeiten her und außerdem auch ziemlich weit weg... Sie waren ja hier im alten Gelände, der Wald war nahe der Grenze gewesen; und wenn die Bullen da noch nach ihm suchten? Doch Rick ließ keine Widerrede zu, er drückte ihm den Hals zu und flüsterte mit bedrohlicher Stimme: "Ich will eine Aufnahme von ihnen! Finde sie! Und wenn sie da nicht mehr sein sollten, dann finde heraus, wo sie sind! Und wehe, du kommst ohne die Bilder wieder - dann kenn ich keine Freundschaft mehr!" Er ließ ihn los und hob seine Pistole, die er neben sich auf das Bett gelegt hatte. Franko war auf die Schnelle nicht dazu fähig gewesen, sie ihm abzunehmen; und Rick hätte es auch kein zweites Mal zugelassen.

Also tat Franko, wie ihm geheißen wurde, doch er ahnte, nein, er wusste bereits, dass die beiden garantiert nicht mehr da sein würden. Man hatte sie doch bereits gefunden, anders konnte es doch gar nicht sein. Andererseits war die Gegend ziemlich uneinsichtig.. Vielleicht lagen sie doch noch dort? Aber es war gefährlich für ihn, dorthin zurück zu kehren. Wer wusste schon, ob die Polizei dort immer noch nach Spuren suchte? Andererseits wenn sie dort noch lagen, würde ihm gar nichts anderes übrig bleiben, er musste ja Fotos von ihnen machen.. Man, was war Rick krank - nicht nur körperlich. Er hatte ja schon Fotos von ihnen gemacht, nachdem er sie verschandelt hatte, und sich anscheinend daran aufgegeilt, doch jetzt waren sie aller Wahrscheinlichkeit nach tot! Wollte er sich an ihren LEICHEN hochgeilen? Franko versuchte, sich die Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, und er ging zu einem kleinen Schrank, der in der Hütte stand. Dort lagen einige Klamotten, die er sich anzog, damit er zumindest äußerlich nicht direkt zu erkennen war. Dann kämmte er sich die Haare und versuchte, seine Frisur ein wenig anders hin zu bekommen. Rick blickte ihn verächtlich an und sagte spöttisch: "Na, Franka, biste bald fertig?" Franko ignorierte seinen Spott, aus dem definitiv eine Drohung zu hören war. und machte sich dann bereit, heraus zu kommen. Er hoffte, dass es gelingen würde, unerkannt in ein Internet-Café zu gehen. Er musste erst einmal Informationen sammeln, bevor er einfach so, in diese Gegend zurück fuhr. Ob das ungefährlicher für ihn war, als das andere, wusste er nicht, doch er versuchte es einfach. Es gab ein Internet-Café in der Gegend und das war wenig bis kaum frequentiert. Es war eine kleine Stadt, beinahe nur ein Dorf, in das wenige Leute kamen und das Café war auch nicht mit Kameras ausgestattet, das war gut.
Da Franko davon ausging, dass der von ihm ausgeknockte Mann, den Diebstahl seines Autos mittlerweile angezeigt hatte, musste er vorab einen anderen Wagen klauen - und das tat er auch. Dieses Mal war es ein Wagen in der Nähe, der auf einem relativ verlassenen Parkplatz stand, und dieser war nicht bewacht. Er hatte Glück. Und so kam er schließlich im Café an.
Obwohl er ein schlechtes Gefühl hatte, versuchte er, es sich nicht anmerken zu lassen; das klappte auch sehr gut. Dann setzte er sich an ein Gerät, es wurde eingeschaltet, und er suchte bereits nach den neuesten Nachrichten. Er versuchte, es nicht zu deutlich werden zu lassen, so ungenau wie nur irgend möglich, schaute er nach den neuesten generellen News, damit man nicht herausfinden konnte, dass jemand speziell nach den jungen Frauen gesucht hatte. Dennoch fand er schließlich das, was er finden wollte: Eine News über zwei Frauen, die vor einiger Zeit, schwer verletzt gefunden wurden, und immer noch in Lebensgefahr schwebten. Also waren sie, wie er es sich bereits gedacht hatte, nicht dort, wo die Bande sie eintsorgt hatte, sondern im Krankenhaus. Wie sollte er jetzt DORT hinein kommen? Das war doch unmöglich!

Er blieb noch einige Minuten dort und surfte auf anderen, unverfängliches Seiten herum, dann schloss er das Netz, zahlte und ging. Er hatte nicht das Gefühl, dass er Aufsehen erregt hatte, zumindest hoffte er, dass er sich nicht irrte. Einige Zeit später kam er wieder in seinem Versteck an; niemand hatte ihn verfolgt. Rick erwartete ihn natürlich bereits: "Und, hast du was für mich?" fragte er ihn gespannt und angespannt. Franko schüttelte den Kopf. Er sah, wie sich Ricks Gesichtszüge verfinsterten. "Was soll das heißen?; ich habe dir gesagt, du..."Hör zu, Rick - ich habe mir bereits gedacht, dass sie die jungen Frauen gefunden haben! Und das haben sie. Schon vor ewigen Zeiten.. Sie leben und sie sind im Krankenhaus, in der Intensivstation! Da komm ich nicht hin..."

Rick blickte ihn an, seine Augen blitzten und der Ausdruck in seinem Gesicht machte Franko Angst. "Was hast du da gerade gesagt? Sie leben noch??? Beide?" "Jaaa.. Aber..." stotterte Franko, denn irgendwie gefiel ihm das gerade gar nicht, was er da hörte. Und er sollte Recht behalten. Rick konnte immer noch nicht wirklich gut reden, aber er konnte sich bemerkbar machen, und das tat er jetzt: "Hör mit gut zu: Du wirst jetzt ins Krankenhaus gehen - ist mir egal, wie du da rein kommst - und dann wirst du mir diese Bilder machen! Von beiden!! Ich will diese Fotos - und ich warne dich! Wenn du Scheiße baust, oder nicht nicht mehr wieder kommst; ich finde dich! Und dann ist der Tod noch zu gut für dich - verstanden?" Franko konnte es nicht fassen. Er wusste ja, dass Rick verrückt war - aber DAS jetzt... Er versuchte es noch einmal: "Bitte, das kann nicht dein Ernst sein! Mensch, ich werde gesucht! Ich bin flüchtig... Die verhaften mich doch direkt, wenn ich da rein marschiere, und dann noch Intensivstation..." "Es ist mir egal, wie du es machst, hauptsache, du machst was! Geh jetzt, oder ich schieß dich über den Haufen, kapiert?"
Franko nickte, er hatte keine andere Wahl. Also machte er das, was Rick von ihm verlangte. Er zog sich noch schnell einen Hoody mit Kapuze über, in der Hoffnung, dass man ihn so nicht direkt erkennen würde - davon ab war es kalt draußen, da fiel das vielleicht nicht so auf - dann lief er zu dem Auto, das er gerade geknackt hatte. Schließlich fuhr er bis einige Meter vor dem besagten Krankenhaus, stellte den Wagen ab und lief den Rest zu Fuß weiter. Jetzt musste ihm tatsächlich etwas einfallen, wie er es schaffen sollte, in die Zimmer der beiden jungen Frauen zu kommen, und Bilder von ihnen zu machen... Wie sollte das funktionieren?

Der Zufall kam ihm zu Hilfe. Rea war kurze Zeit zuvor nach Hause gefahren, und Alec wurde von Jennifer mehr oder weniger sanft dazu "überredet", auch etwas essen zu gehen. Sie begleitete ihn, obwohl sie kurze Zeit zuvor bereits etwas gegessen hatte. Aber sie sah, wie schlecht auch er aussah, und wollte ihn nicht alleine lassen.
Sie waren also allesamt fort, und weder bei Jess noch bei Lia war zur Zeit jemand. Ihr Zustand hatte sich nicht verändert, und die Ärzte waren kurze Zeit zuvor noch bei den beiden gewesen, und hatten nach den Werten geschaut. Dann waren sie wieder gegangen. Sie konnten nichts tun.
Nun war Franko in der Intensivstation und wurde am Eingang tatsächlich nach seinem Namen gefragt. Er hatte bereits mit so etwas gerechnet und vorab recherchiert, wer noch in den Gängen, in denen die beiden waren, lag. Er hatte jemanden gefunden und gab sich als dessen Familienmitglied aus. Glücklicherweise schien ihm das junge Mädel am Empfang zu vertrauen und ließ ihn einfach durch. Franko konnte ein leichtes Aufatmen nicht verhindern, bedankte sich höflich, und ging schnellen - aber nicht zu schnellen - Schrittes von dannen. Dann, als die Tür hinter ihm zuflog, lief er schneller. Schließlich war er an der ersten Tür angekommen, von der er wusste, dass es Jessica Meurers Zimmer war. Er trat hinein.
Leicht geschockt sah er, wie sie aussah. Es war beinahe ein Wunder, dass sie es überlebt hatte... Auch er sah, dass sie hoch Fieber hatte, ihr Körper glühte, und die Apparaturen zeigten, dass sie wohl eine gewisse Menge eines Medikamentes bekam, das vielleicht das Fieber senken sollte? Er hatte keine Ahnung. Natürlich ahnte er auch, dass es ein leichtes sein würde, einfach ein wenig an den Geräten zu "spielen", dann würde ihr Leben beendet sein; aber das war nicht er. Rick würde das vielleicht tun, aber er war kein Mörder! Und kein Sadist! Es war schon schlimm genug für ihn, jetzt hier zu sein und das zu tun, was er tun musste! Er nahm sich schnell seinen Fotoapparat heraus und knipste. Franko konnte sich denken, dass Rick auch "andere" Bilder von ihr würde haben wollen, doch die wollte und konnte er hier nicht schießen. Er sah sich verstohlen im Zimmer um, doch er konnte keine Kameras hier entdecken. Zumindest hoffte er, dass er sich nicht irrte...
Er fotografierte ihr rotes Gesicht, von weitem, in Nahaufnahme, dann die Arme, die verbunden waren, zumindest von den Händen bis zu den Oberarmen. Dazu zog er ihr ein wenig die Bettdecke weg. Und, nun ja, um Rick vielleicht einen kleinen Gefallen zu tun, zog er auch ein wenig von ihrem Oberteil herunter, nur so weit, dass man den Ansatz ihrer Brüste erkennen konnte. Mehr konnte und wollte er nicht. Auch die Haut war knallrot. Es fröstelte ihn.

Dann war er fertig mit Jess und ging aus dem Zimmer, bevor er hier noch erwischt wurde. Er hatte eine Sofortbildkamera gewählt, und steckte sich die Bilder in die Taschen. Was er nicht bemerkte war, dass ein Bild herunter fiel, in die Nähe des Bettes... Franko verließ das Zimmer und rannte in Lias, das ganz in der Nähe war, gerade mal einen Gang weiter. Dort geschah das gleiche.
Auch hier fotografierte er die im Koma liegende Lia und auch hier war er geschockt über deren Zustand. Er ließ auch ihre Arme nicht aus, und was er bemerkte war, dass ihr rechter Arm - trotz des Verbandes, das sie anhatte - rötlich schimmerte. Hier passierte ihm nicht das gleiche "Malheur", wie bei Jess, er sammelte alle Bilder ein und verließ dann schnellstens das Zimmer und das Krankenhaus. Er konnte nur hoffen, dass ihn niemand bemerkt hatte, zumindest hielt ihn niemand auf.. Jetzt wollte er nur noch schnellsten Schrittes zu Rick zurück, er hoffte, dieser würde zufrieden mit ihm sein...

Wenige Minuten, nachdem Franko fort war, kamen Rea, Alec und Jennifer zurück. Sie hatten sich zwar nicht abgesprochen, aber der Zufall wollte es, dass sie ziemlich zeitgleich vor dem Krankenhaus eintrafen. Nun wollten sie schnellstmöglich zurück zu den beiden Frauen.
Besonders Rea saß wie auf heißen Kohlen. Es tat sich einfach nichts an dem Zustan der beiden. Zumindest stieg Jess' Fieber nicht mehr, aber es sank auch nicht! Und auch er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis es ihr Körper nicht mehr aushalten würde...
Deswegen wollte er jetzt zuerst einmal wieder zu Jess, bevor er dann erneut zu Lia gehen würde. Alec würde natürlich weiterhin bei Jess bleiben, und vermutlich auch Jennifer, denn sie gaben alle die Hoffnung nicht auf, dass Jess es überleben würde. Sie musste einfach, und wenn, dann würde Jennifer da sein, um ihr erneut beizustehen, in der Schwärze der Tage...
Sie öffneten die Tür und Rea trat an Jess' Bett. Es war jedes Mal dasselbe Grauen... Und er wusste nicht, ob es sich jemals ändern würde. Dennoch sah er auch dieses Mal, wie eigentlich immer, auf die Geräte, die, ebenfalls wie immer, dieselben Töne anschlugen. Auch hier hatte sich nichts verändert. Doch irgend etwas war anders. Er konnte es sich nicht erklären, aber irgend etwas fiel ihm auf, das anders war, als beim letzten Mal, als er hier gewesen war, doch was?
Plötzlich hörte er Alecs Stimme, der sagte: "Was liegt denn da unter dem Bett?" Alec hatte etwas gesehen, doch da Rea direkt vor ihm stand, konnte er nicht erkennen was es war. Rea trat einen Schritt zurück, dann sah er es auch. Es sah aus, wie ein Foto..?

Langsam hob er es auf und erbleichte. Was er sah, ließ ihn fassungslos erstarren. Auch Alec und Jennifer kamen zu ihm und starrten wie gebannt auf das selbige. "Was zum Teufel..." sprach Alec aus, was alle dachten. Rea keuchte nur. Sie blickten auf ein Foto von Jess, wie sie hier lag, in ihrem derzeitigem Zustand: ihr rotes Gesicht war darauf zu sehen, und das Beatmungsgerät, das um ihren Mund lag.. Rea fühlte wie ihm die Magensäure hochstieg, er kannte das Gefühl. Das war beinahe so schrecklich, wie damals, als er die Bilder bei dem Kommissar zu Gesicht bekommen hatte - diese waren zwar noch schlimmer gewesen, dennoch wusste er, dass dieses hier frisch war. Irgend jemand war hierher gekommen und musste GERADE EBEN! dieses Foto von Jess geschossen haben - und wer weiß wie viele noch - und vermutlich auch von Lia?!
Jetzt war es mit Reas Ruhe vorbei. Blut schoss ihm ins Gesicht und er brüllte. Er schoss aus dem Zimmer heraus und lief in Lias Zimmer, dabei rannte er beinahe einen Arzt um, der ihm entgegen kam. "Was ist denn hier los, meine Herren".. wollte dieser gerade ansetzen, als ihm Alec entgegen kam, der zwar ein wenig ruhiger war als Rea, aber dennoch mindestens genauso geschockt. "Das wollte ich Sie gerade fragen! Können Sie mir sagen, wie es sein kann, dass ein Fremder hier herein kommt, und Bilder von den beiden Frauen hier macht? Unbemerkt? Wie kann das sein??" Der Arzt blickte ihn ungläubig an: "Wie bitte?" "Wir haben gerade ein Foto in Jess' Zimmer gefunden, unter ihrem Bett. Jemand hat sie fotografiert! Und ich kann nur hoffen, dass es nicht dieser Psychopath ist, der den beiden das angetan hat! Haben Sie jemanden hier bemerkt?" "Nein, um Himmels Willen! Hier war niemand..., ich, ich werde sofort den Kommissar informieren, das, das kann doch nicht sein..." stammelte der Arzt, und Alec erwiderte trocken: "Bemühen Sie sich nicht, ich werde den Kommissar rufen. Sorgen Sie nur dafür, dass Ihre Mitarbeiter gleich zu einer Befragung bereit stehen!" Der Arzt nickte nur, während Alec sein Handy heraus zog und den Kommissar informierte. Dieser sagte, dass er sofort kommen würde, und Alec legte auf.

In der Zwischenzeit war Rea voller Panik zu Lia gelaufen und hatte zumindest mit Erleichterung gesehen, dass sich an deren Zustand ebenfalls nichts geändert hatte. Zumindest hatte dieser Bastard, sollte er Lia auch fotografiert haben, sonst nichts getan. Rea hoffte es wenigstens. Wer war das gewesen? Etwa dieser Psychopath?
Hatte ihm der Kommissar nicht gesagt, dass sie die Bande geschnappt hatten? Aber ob der Dreckskerl dabei gewesen war, hatte er ihm nicht erzählt, oder nicht sagen wollen. Jetzt würde er ihn fragen - und auch, weshalb die Polizei nicht damit gerechnet hatte, dass dieser eventuell hierher kommen könnte. Doch er musste zugeben, dass auch er nicht daran gedacht hatte. Dass er so weit gehen könnte, das hätte er nicht gedacht. Dieser Typ musste wirklich krank sein.
Schließlich kam Robert Schmidt, der in der Zwischenzeit natürlich weitere Nachforschungen angestellt hatte. Aber wirklich weiter gekommen waren sie nicht; diejenigen der Bande, die sie gestellt hatten, redeten nicht. Und die anderen waren tot. Und einer war immer noch auf der Flucht. Robert war gelinde gesagt, geschockt gewesen, als er gehört hatte, dass jemand erneut Bilder von den beiden jungen Frauen gemacht hatte - im Krankenhaus! War das etwa der Flüchtige gewesen? Und war eben dieser Flüchtige der gesuchte Psychopath? Auch darüber hatten sie noch nichts heraus gefunden.
Jetzt war er im Krankenhaus angekommen und Rea kam ihm bereits mit einem Bild in der Hand entgegen. "Here, I found THIS near Jess' Bed! Konnen Sie mir erklär'n wie das passiern konnte? Was konnen Sie mir dazu sagen?"
"Beruhigen Sie sich bitte", versuchte Robert, Rea zum Schweigen zu bringen, doch es funktionierte nicht. "Beruhigen? Damn it, ich beruhige mich nicht! Da kommt irgend eine Verruckte, und fotografiert die Girls! Meine Girls!! Denken Sie, ich hab die Pictures vergessen? Die bei Ihnen auf die Schreibtisch? Verdammt noch mal! Wie kann das here sein?! Sagten Sie nicht, dass Sie die Bande geschnappt haben? How could this happen, then?"

Auch Alec und Jennifer versuchten Rea zu beruhigen, doch es war nicht so einfach, bis beinahe unmöglich. Schließlich seufzte der Kommissar, es würde ihm jetzt wohl nichts mehr übrig bleiben, als auch den Rest der Wahrheit, den er eigentlich hatte verschweigen wollen, zu erzählen: "Also gut, ja, wir haben die Bande, zumindest einen Teil davon, allerdings scheigen sie bis jetzt - noch. Einige wurden vorab bereits getötet, während des Einsatzes - und na ja, da gibt es noch etwas.." Er schwieg kurz, und spürte, wie ihn drei Augenpaare beinahe durchlöcherten. "Was?" fragte Rea, mit einer Anspannung in der Stimme, die die Luft zum Zerreißen brachte. "Also gut, uns ist einer von ihnen durch die Lappen gegangen, bei der Festnahme. Es ist ihm gelungen, zu fliehen. Wir haben ihn bis jetzt noch nicht wieder zurück..." Weiter kam er nicht, Rea war auf ihn zugetreten und Alec trat ebenfalls vor, um ihn noch von einer Dummheit abzuhalten. Doch Rea stieß ihn ab, als Alec eine Hand auf seine Schulter legte. "Hab ich das jetzt richtig verstanden? Sie suchen eine von diese Bande? Und eventuelly konnte diese Typ diejenige sein, die meine Girls DAS angetan hat? UND DAS SAGEN SIE MIR NICHT???" Das letzte hatte er geschrien. "Bitte Rea..." versuchte es auch Jennifer, doch Rea war nicht zu beruhigen, er tobte weiter. "Sie hätten die beiden beschutzen müssen! Damn it! Sie wussten, dass diese Typ da draußen rum lauft; und Sie tun nichts, um meine Girls zu beschutzen? Was wäre, wenn diese Kerl here gerade die beiden umgebrackt hätte?"

"Es reicht jetzt, Mr. Garvey!" ließ sich schließlich der Kommissar wieder vernehmen. "Es ist Ihr gutes Recht, wütend zu sein, bis zu einem gewissen Grad kann ich es auch nachvollziehen. Allerdings wissen Sie wohl auch, dass ich nicht verpflichtet bin, beziehungsweise, dass es mir nicht einmal erlaubt ist, Sie in unsere Ermittlungen mit einzubeziehen. Ich sage Ihnen schon mehr, als ich kann. Dass jemand geflohen ist, gehört zu den internen Kreisen, das geht Sie normalerweise gar nichts an! Und ob es sich dabei wirklich um den selben Täter handelt, wussten wir bis jetzt im Grunde auch noch nicht. Es hätte auch jeder andere aus dieser Gruppe sein können. Wir wissen ebenfalls noch nicht, ob wir jetzt wirklich alle haben, oder ob uns noch welche fehlen. Und der wahre Täter, der die beiden verletzt hat, könnte ebenfalls noch auf der Flucht sein, oder er war gar nicht dabei, oder er ist bei denen, die erschossen wurden. Wir wissen es nicht! Aber wie schon gesagt, ich bin nicht dazu verpflichtet, Ihnen alles zu berichten. Bis jetzt hat von uns niemand damit gerechnet, dass der oder die Täter hierher kommen könnten; jetzt, wo  die Gefahr besteht, müssen wir natürlich eingreifen. Wir werden zuerst damit beginnen, die beiden jungen Frauen in ein großes Zimmer zu verlegen, da ist es leichter für uns, sie zu beobachten. Dann wird vor diesem Zimmer immer ein Polizist stehen. Es tut mir leid, dass dies nicht schon früher anberaumt wurde, aber wie schon gesagt, mit so etwas habe ich auch nicht gerechnet. Ich werde es nun in die Wege leiten. Die Ärzte werden entscheiden, bei welchem der jungen Frauen es besser ist, verlegt zu werden.
Vielleicht auch beide in einen größeren  Raum... Wie auch immer. Und ich denke, es sollte ein Raum mit Kameraüberwachung sein, denn ich fürchte, dass weder in diesem, noch in dem anderen Raum Kameras zur Verfügung standen. Dennoch versuchen wir, etwas über den Täter in Erfahrung zu bringen. Ich weiß, es ist spät, aber zumindest hat der Täter keinen größeren Schaden angerichtet, die beiden leben noch; er hat nichts an der Medikation oder den Apparaturen verstellt. Auch, wenn das vielleicht kein großer Trost ist, aber umbringen wollte er die beiden nicht, denn dann wären sie jetzt tot, die Möglichkeit hätte er gehabt. Schönen Tag noch.", damit ging er.

Rea fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Wollte ihn der Kommissar verarschen? Er fühlte Wut aufsteigen, doch gleichzeitig auch erneut Hände, die ihn beruhigen wollten, und langsam sank sein Puls wieder. "Schon gut", sagte er nur, dann sah er, wie Ärzte und Schwestern herein kamen, die begannen, Lias Bett aus dem Zimmer zu schieben.
"Was machen Sie da?" fragte er, beinahe in Panik. "Was der Kommissar aufgetragen hat, wir verlegen sowohl Lia Dixon als auch Jess Meurer in ein großes Zimmer mit Kameras. Keine Sorge, es wird ihnen nichts geschehen.  Wir sind vorsichtig," Und damit gingen sie, sowohl das Bett, als auch die Geräte, an denen Lia angeschlossen war, mit sich führend. Rea, Alec und Jennifer folgten ihnen, und als sie in das große Zimmer eintraten, sahen sie, dass Jess bereits dort lag, an der anderen Seite des Zimmers. Auch sie war immer noch an ihre Apparaturen angeschlossen, sie piepten und dröhnten wie zuvor. Was Rea zwar auf der einen Seite immer noch wahnsinnig machte, auf der anderen Seite aber irgendwie beruhigte, es zeigte, dass sie noch lebte. "Thanks, God..." flüsterte er, dann sah er, wie ein Vorhang, der zwischen den beiden Hälften des Zimmmers war, zur Seite gezogen wurde. Auch, wenn beide "Girls" in einem Zimmer lagen, so waren sie dennoch optisch getrennt. Rea musste sich erneut entscheiden, wo er zuerst hingehen wollte, doch da Alec immer noch da war, ging er einmal kurz zu Jess, streichelte ihre nicht verbundenen Hände, küsste ihre Stirn und strich ihr einmal sanft über das Gesicht. "I'm here, Kleines. Direkt neben dir; neben die Vorhang! Und Lia auch! Ihr habt so viel uberstanden! Please, come back! I love you, my little Sister..." flüsterte er, dann küsste er sie erneut - und ging nach nebenan zu Lia. Er blickte zurück und sah, dass er ihre Konturen durch den Vorhang sehen konnte, und auch, dass Alec nach ihm zu ihr gegangen war. Er lächelte, dann widmete er sich Lia, an deren Zustand sich ebenfalls - immer noch - nichts geändert hatte. Es MUSSTE doch einmal bald etwas passieren, warum tat sich nicht endlich etwas? Etwas Gutes, meinte er natürlich.
Rea sank erneut in sich zusammen und begann, zu beten. Vor der Tür des nun gemeinsamen Zimmers von Jess und Lia stand ein Polizist, es war ein wenig spät, aber von nun an kam niemand mehr so einfach in dieses Zimmer, den sie nicht kannten...

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Christal, 31
Traumland