dumme Gedanken?
Es war viel Zeit vergangen, bis Jess' psychischer Zustand sich langsam besserte. Jennifer hatte sich lange mit ihr unterhalten, und mehrfach erwähnt, dass es nicht ihre Schuld war, was Lia sich in den Kopf gesetzt hatte. Jess sagte nichts mehr dazu, aber es war ihr anzusehen, dass sie noch nicht wirklich überzeugt war. Jennifer tat es zwar leid, aber sie wusste auch, dass sie, zumindest noch, nichts daran ändern konnte. Anscheinend war Jess noch nicht so weit. Aber vielleicht würden ihr ihre besten Freundinnen ebenfalls dabei helfen können, sich diese Gedanken aus dem Kopf zu schlagen.
Und so entschied Jennifer schließlich, Jess wieder nach Hause zu fahren. Rea hattes ich bisher noch nicht wieder gemeldet, so dass sie ihr Handy mitnahm. Sie ging davon aus, dass er sich bei ihr melden würde, so bald er etwas wusste. Vermutlich hatte seine "Unterhaltung" mit Valerie nichts wirklich Nützliches ergeben. Sie konnte nur hoffen, dass er sich wirklich im Griff hatte, und nicht ebenfalls dabei war, etwas Dummes zu tun. Aber sie war nicht auch noch seine Aufpasserin! Außerdem hatte sie den Kommissar verständigt.
Und so nahm sie schließlich Jess sanft mit sich und brachte sie zum Auto. Jess ließ sich ohne weitere Gegenwehr "mitnehmen", und wenige Augenblicke später waren sie bei ihrem Haus angekommen. Jess war den gesamten Weg über ruhig gewesen, schon fast zu ruhig, für Jennifers Geschmack. Sie wusste, dass ihre Gedanken immer noch nicht vorbei waren. Das machte ihr natürlich - mal wieder - Sorgen, und sie hoffte inständig auf die Hilfe der anderen beiden jungen Frauen.
Und so ließ siei ihr erst einmal ihre Ruhe, und nach weiteren wenigen Minuten stiegen die beiden schließlich aus dem Wagen aus und liefen, immer noch schweigend, auf die Wohnung zu.
Jennifer klingelte. Sie wusste zwar, dass Jess einen Schlüssel für die Wohnung hatte, aber diese hatte bis jetzt keinen Anschein gemacht, diesen hervorzuholen. Und so wartete sie geduldig, bis ihnen die Tür geöffnet wurde. Vor ihr stand Steffi, die verständlicherweise etwas irritiert drein blickte, als sie Jennifer - mit Jess zusammen - vor der Tür stehen sah...
Steffi war in der Tat etwas irritiert, und schließlich auch extrem besorgt, als sie registrierte, wer vor der Tür stand. Zumal sie ja davon ausgegangen waren, dass Jess bei ihrer Freundin Lia war. Auch, wenn sowohl sie als auch Dana davon alles andere als begeistert gewesen waren. Dennoch hatten sie beide es schließlich akzeptiert. Immerhin wussten beide, dass die beiden jungen Frauen wohl am ehesten verstehen würden, was der andere fühlte. Immerhin hatten sie beide das selbe Leid erfahren - und da war die eine für die andere vielleicht sogar ein größerer Halt als sie und Dana es zumindest versuchten zu sein...
Nun war sie natürlich erstaunt darüber, dass Jess schon wieder da war - und dann mit Jennifer? Was hatte die damit zu tun?
Bevor sie etwas fragen konnte, war Jennifer die erste, die die Initiative übernahm: "Dürfen wir vielleicht eintreten?" fragte sie, und Steffi trat schnell zur Seite. Jess sagte immer noch nichts, sie blickte Steffi nicht einmal wirklich an, sondern sah nur nach unten... Langsam wurde Steffi komisch zu mute. Etwas stimmte doch hier nicht.. Dann nickte sie, und antwortete der Psychologin: "Ja, entschuldigen Sie, tut mir leid. Kommen Sie rein, beziehungsweise komm rein. Jess, ich dachte, du bist noch bei Lia? Oder haben sich deine Pläne geändert?" Jennifer antwortete, an Jess' Stelle, nachdem sie beide ins Wohnzimmer getreten waren: "Steffi, es hat sich etwas geändert... Aber das ist etwas schwierig zu erklären. Ist Dana hier in der Nähe? Wir sollten uns einmal in Ruhe alle miteinander unterhalten." Und sie schob die immer noch - zu - ruhige Jess in Richtung Couch.
Bei Steffi klingelten die Alarmsirenen, und sie rief Dana, die sich in gerade ihrem und Jess' Schlafzimmer befand. Sie hatte dort ein wenig aufgeräumt, damit es vor allem Jess dort oben besonders gemütlich haben sollte, wenn sie wieder kam Nun kam sie die Treppe herunter, und wollte gerade fragen, was los war, als auch sie verwundert zu ihnen herüber sah. "Was ist denn hier los? Jess? Was machst du denn schon wieder hier? Wolltest du nicht zu Lia? Oder seid ihr schon fertig?" fragte sie beinahe das selbe, wie Steffi einige Sekunden zuvor. Und auch sie wunderte sich über das Erscheinen von Jennifer. Weder sie noch Steffi verstanden irgend etwas.
Und Jennifer wusste, dass sie nun mal ein klares Wort sprechen musste. Noch war aus Jess nichts heraus zu holen gewesen. "Setzt euch, bitte!" sagte sie, an Dana und Steffi gewandt, und diese sahen sich an; doch dann gingen auch sie zur Couch herüber, und setzten sich rechts, beziehungsweise links, neben Jess.
Diese zuckte leicht zusammen, als sie ihre Freundinnen bemerkte. Sie hatte keine Ahnung, was sie nun von diesen zu hören bekommen würde. Immerhin wusste sie noch, dass beide sie im Grunde am Morgen vor dem Besuch bei Lia gewarnt hatten - und dass, obwohl sie vom wahren Grund eben dieses Besuches nicht mal den Ansatz einer Ahnung gehabt hatten.
Sowohl Dana als auch Steffi bemerkten natürlich, dass mit Jess etwas nicht in Ordnung war. Natürlich machte ihnen das Sorgen. "Was ist los, Jess? Sag uns doch bitte, was passiert ist - wir sind doch deine besten Freundinnen", begann Steffi, und Dana legte gleich los, wie es ihre Art war: "hat dich diese Rotzgöre geärgert? Das hab ich dir doch gleich gesagt..." "Dana...", wollte Steffi einfallen, doch Jennifer nahm ihr das Wort ab: "Es reicht, alle beide! Hört mir gut zu. Ich möchte euch beide bitten, etwas vorsichtiger in eurer Wortwahl zu sein. Was Jess jetzt nicht gebrauchen kann, sind dumme Kommentare! Es ist etwas vorgefallen, was sich glaube ich keiner auch nur im Entferntesten vorstellen konnte. Nicht einmal ich, um ehrlich zu sein. Und ja, es hat etwas mit Lia zu tun - dich ich denke, die meinst du mit "Rotzgöre", Dana"... Dana sah etwas verschämt aus, doch dann schob sie, beinahe trotzig, das Kinn nach oben. "Ja, wen den sonst?! Tut mir leid, Jess. Aber sie ist definitiv keine Freundin für dich - und so wie es aussieht, tut sie dir doch wohl auch nicht gut..." Wieder kam sie nicht weiter. Dieses Mal unterbrach sie Steffi: "Jennifer, ich möchte jetzt wissen, was los ist! Was ist passiert? Jess, du siehst furchtbar aus, und es muss doch einen Grund haben, dass Jennifer bei dir ist - hast du dich mit Lia gestritten?" Sie hatte versucht, es so neutral wie möglich zu sagen; nicht in den harschen Worten ihrer nicht immer so bedachten Freundin Dana.
Schließlich platzte es aus Jess heraus, die bis jetzt sehr still gewesen war. Sie hatte zwar eigentlich gar nichts sagen wollen - eigentlich wollte sie einfach nur ins Bett; und zwar in ihr eigenes, in ihrem kleinen Zimmer, möglichst alleine, einfach nur ihre Ruhe haben!
Aber jetzt saß sie nun mal hier und es wurde ihr alles zuviel. Danas Vorwürfe, denn das waren sie unbestritten jetzt schon, Steffis Worte, die es vielleicht sogar gut meinte, aber ihr auch mehr auf der Seele lagen, als ihr zu helfen. Sie hatten doch beide keine Ahnung...
Und dann sagte sie es schließlich: "Sie hat eine Waffe... Sie ist fort, um IHN zu ermorden..." Während sie es sagte, schaute sie gen Boden. Sie konnte ihre Freundinnen nicht ansehen.
Diese konnten nicht fassen, was sie gerade gehört hatten. Jess fühlte die Blicke auf sich, die sie beinahe zu durchlöchern drohten. Sie zog sich noch mehr zurück.
Dann hörten sie Jennifer, die sich räusperte. Dana und Steffi blickten, immer noch geschockt, von Jess zu Jennifer, die sich gegenüber auf einen Stuhl gesetzt hatte. Bevor die beiden noch etwas fragen konnten, hatte sie das Wort ergriffen: "Ihr habt richtig gehört. Lia hat sich eine Waffe besorgt - oder eher gesagt, besorgen lassen - und geht wohl nun einem Plan nach, den sie und ihre "Freundin" Valerie sich erdacht haben..." Sie kam nicht weiter. Steffi fragte, mit heiserer Stimme: "Woher... woher wisst ihr das?" Jess starrte immer noch auf den Boden; genau vor dieser Frage hatte sie Angst gehabt. Auch hier musste sie gestehen, was sie getan hatte - oder eher gesagt, nicht getan hatte...
Bevor Jennifer antworten konnte, hatte sie es wieder übernommen: "Ich, ich habe es gewusst... Als wir noch im Krankenhaus waren, hatte Lia Besuch von dieser Valerie. Sie, sie haben miteinander gesprochen, leise, aber laut genug, dass ich es gehört habe.. Sie dachten, ich würde schlafen; das hatte ich auch, aber ich bin kurze Zeit später wohl wach geworden. Und habe - fast - alles gehört, was sie besprochen haben..." Ihr stiegen wieder Tränen in die Augen, als sie an die grauenhafte Worte dachte, die Lia mit dieser grausamen Valerie gesprochen hatte. Nicht nur wegen der Waffe... Aber das meiste hatte sie kurze Zeit zuvor schon mit Jennifer besprochen, und ehrlich gesagt hatte sie jetzt und hier keine Lust mehr, das ganze noch einmal zu wiederholen. Darum ging es jetzt auch gar nicht. Sie riss sich zusammen. Dann fuhr sie fort: "Valerie hat gesagt, dass sie eine Waffe für sie besorgen könnte. Und Lia ist darauf eingegangen. Sie will sich an dem Typen rächen, der uns das angetan hat. Sie will ihn umbringen..."
Im Zimmer war es erst einmal still. Jennifer sagte nichts, weil sie das Gesagte bei den Mädchen erst einmal sacken lassen wollte. Zudem wusste sie, dass Jess noch mehr beschäftigte, und sie nur die halbe Wahrheit gesagt hatte. Jess hatte ihr noch mehr darüber erzählt, wie Lia und Valerie zusammen über sie hergefallen waren. Doch auch sie wusste, dass das jetzt und hier nicht das Thema war, und im übrigen wollte sie Jess überlassen, was sie ihren Freundinnen darüber preis gab, und wann. Jennifer wusste, dass dies auch wieder eine Narbe auf ihrer Seele hinterlassen hatte, deren Heilung Zeit brauchte. Und wenn sie jetzt und hier - noch - nicht in der Lage war, darüber zu reden, dann sicherlich später noch einmal mit ihr. Sie Sie würde sie sicherlich noch einmal darauf ansprechen. Später.
Jennifer übernahm noch einmal das Wort: "Ich werde jetzt nicht allzu tief ins Detail gehen, doch so viel: Ja, ihr hattet Recht, Lia und Jess hatten Streit. Jess war heute Morgen bei Lia, um sich davon zu überzeugen, dass diese KEINE Waffe hatte. Sie war sich nicht wirklich sicher, ob sie sich die Sache nicht vielleicht doch nur eingebildet hatte, immerhin war sie zu diesem Zeitpunkt ja auch noch krank." Stefi unterbrach sie. Sie hatte sich wieder Jess zugewandt: "Deswegen warst du wirklich heute da? Weil du die Waffe finden wolltest? Mein Gott... Wieso hast du uns das nicht erzählt?" Jess blickte sie an. Sie schluckte, dann antwortete sie: "Ich, ich weiß doch, was ihr von Lia haltet... Und außerdem, ich wollte die Waffe ja gerade NICHT finden! Versteht ihr das nicht? Ich wollte mich davon überzeugen, dass ich mich geirrt habe; dass es keine Waffe gibt! Aber es gab sie... Ich habe sie gefunden - und Lia hat mich erwischt. Sie, und diese Valerie, die sie wohl irgendwann angerufen haben muss..." Wieder schwieg sie. Auch hier wollte sie nicht weiter erzählen, was diese schreckliches zu ihr gesagt hatten. Sie hatten sie zwar nicht körperlich attackiert - aber die Worte, die vor allem Lia ihr ins Gesicht geknallt hatte, waren weitaus schlimmer gewesen, als tätliche Angriffe jeglicher Art...
Natürlich wusste dies auch wieder Jennifer. Es lag ihr mittlerweile auf der Zunge, etwas zu sagen, doch diese schwieg. Auch, wenn sie, eigentlich, gar nicht Jess' offizielle Therapeutin war, so fühlte sie sich ihr gegenüber doch verbunden. Bei Rea war es etwas anderes gewesen; ihm musste sie erzählen, was geschehen war. Aber hier würde sie es Jess überlassen, was sie noch alles von sich Preis geben würde. Und dass es bei den anderen Mädchen, besonders Dana, doch vielleicht etwas schwieriger werden könnte, wusste sie instinktiv.
Wieder übernahm sie das Reden: "Um es kurz zusammen zu fassen: Nach dem Streit ist Jess fortgelaufen, und zu mir gekommen", wie das geschehen war, ließ Jennifer aus. "Das Schlimmste ist, dass wir keine Ahnung haben, wo sich Lia gerade befindet, zu Hause ist sie jedenfalls nicht mehr. Wie wir durch Rea erfahren haben, den ich in der Zwischenzeit ebenfalls kontaktiert habe, hatten die beiden, kurz nachdem Jess aus dem Haus gelaufen ist, wohl ebenfalls einen Streit. So wie es aussieht, hat sich Lia wieder geritzt. Rea hat wohl Glasscherben auf dem Boden gefunden..." Sie hörte ein Ächzen, von den beiden Mädchen. Und Jess schluchzte wieder. Dann hörten sie erneut ihre Stimme: "Es ist alles meine Schuld... Warum hab ich nichts gesagt..."
Jennifer wusste, dass sie mit Jess noch lange nicht fertig war. Doch für heute hatte sie selber genug, wenn sie sich gegenüber ehrlich sein sollte. Dennoch rückte sie noch einmal zu Jess heran und nahm ihre Hände in ihre: "Jess, bitte... Hatten wir das nicht schon einmal? Sowohl ich als auch Rea haben dir gesagt, dass es nicht deine Schuld war! Ja, du hast es gehört - aber wie du schon selber sagtest, hast du dir eingeredet, einreden wollen, dass es nicht wahr ist, was du gehört hast. Und das hätte auch durchaus so sein können. Du hattest kurze Zeit zuvor noch hohes Fieber. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass da noch einige Synapsen falsch gepolt hätten sein können. Leider war dies nicht so. Und selbst wenn du es gesagt hättest, hätte Rea dir zur damaligen Zeit kein Wort geglaubt. Jetzt ist es etwas anderes. Wie schon einmal gesagt: Dich trifft keine Schuld! Im übrigen ist Lia für ihr Handeln selbst verantwortlich! So hart das klingen mag. Ich hoffe," setzte sie noch schnell hinzu, als sie Jess' Blick bemerkte: "natürlich ebenfalls, dass sie schnell genug gefunden wird, um sich ihr Leben nicht zu zerstören. Aber ich sage es dir hiermit noch einmal: Du hättest ihren Entschluss nicht ändern können. Vermutlich nicht einmal Rea, selbst, wenn du es ihm erzählt, und er es dir geglaubt hätte. Bitte, vergiss das niemals!" Sie wandte sich auch wieder an die anderen zwei: "im übrigen ist Rea ja nun ebenfalls auf der Suche, er hat vorgehabt, sich diese Valerie vorzuknöpfen. Leider habe ich keine Ahnung, was er bereits heraus gefunden hat, aber ich werde jetzt gehen und mal schauen, ob ich etwas heraus finde. Was ich eigentlich sagen möchte, an euch beide", sie richtete sich an Dana und Steffi: "Bitte seid geduldig mit eurer Freundin, und nicht zu hart. Sie hat - mal wieder - sehr viel mitgemacht. Und auch, wenn ihr beide Lia nicht besonders leiden könnt, sie war - und ist immer noch - ebenfalls Jess' Freundin. Bitte beachtet dies. Für mich reicht es jetzt, aber du kannst jederzeit zu mir kommen, Jess. Vergiss das ebenfalls nie. Und auch nicht, dass du hier gute Freunde hast, die dir bestimmt helfen werden. Bye!" Und damit stand sie auf und verließ die Wohnung. Sie hoffte, dass Dana und Steffi, trotz ihres vielleicht noch vorhandenen Unverständnisses, für Jess da sein würden.
Natürlich waren sie das. Es stimmte zwar, dass sowohl Dana als auch Steffi immer noch mit ihren aufkommenden Gedanken zu kämpfen hatten. Vor allem Dana konnte nicht verstehen, warum Jess nicht mit ihnen geredet hatte. Sie hätte sie gerne danach gefragt, aber irgendwie merkte selbst sie, dass dies gerade nicht die beste Option wäre. Und Steffi merkte es ohnehin.
Sie saßen immer noch neben Jess, die sich wieder eingeigelt hatte. Beide merkten, dass sie leicht zitterte. "Hey, Jess... Hör zu, es, es tut uns leid", begann Steffi. "Wir, wir hätten dich nicht so anfahren sollen. Es wird schon alles gut, okay? Rea findet bestimmt etwas heraus, und dann sagt er uns, beziehungsweise teilt es der Polizei mit. Sie finden Lia, bestimmt!" Es sollten tröstende Worte sein, doch sie erreichten Jess nicht. Im Gegenteil. Sie fuhr auf und stieß in Steffis Gesicht: "Und wenn es schon zu spät ist, und wenn sie sie finden? Wenn Lia schon eine Spur zu diesem Kerl hat, und ihn bereits erschossen hat? Vielleicht können sie Lia nicht mehr aufhalten... Und es meine Schuld! Die einzige, die Lia von dieser dummen Idee abhalten kann, bin ich! Ich muss Lia finden..."
Steffi und Dana starrten ihre Freundin an, es kam erst einige Sekunden später in ihren Köpfen an, was Jess da gerade von sich gegeben hatte - abgesehen vom erneuten Schuldbekenntnis, das schon schlimm genug war. Dieses Mal war es Dana, die Jess das Wort abschnitt: "Das ist jetzt nicht DEIN Ernst, hoffe ich?!? Jess, du wirst doch wohl nichts Dummes tun, wegen dieser... Lia?" Sie hatte sich im letzten Augenblick noch zügeln können, bevor ihr ein anderes Wort über die Lippen gekommen wäre. Doch Jess verstand schon. Sie wusste, was Dana, und auch Steffi, von Lia hielten. Auch, wenn Steffi besonnener war. Und das machte sie ebenfalls traurig. Mit den beiden konnte sie über ihre Gefühle bezüglich Lia nicht reden, dass wusste sie. Jetzt mischte sich auch noch Steffi ein, die sich vor sie gekniet hatte. "Jess, bitte; ich würde es nicht unbedingt in den gleichen Worten ausdrücken, wie Dana, du weißt, sie ist manchmal ein wenig... nennen wir es unüberlegt; aber im Grunde hat sie Recht! Du kannst das, was du da gerade gesagt hast, nicht wirklich ernst meinen, oder? Müssen wir uns Sorgen machen? Hast du vor, ebenfalls etwas unüberlegtes zu tun? Was genau meinst du damit, dass du Lia "finden" willst?"
Jess sah an ihr vorbei. Sie war unglaublich müde. Und sie wusste dass sie, auch, wenn es gerade noch späterer Nachmittag, bis früher Abend, war, einfach nur ins Bett wollte. Aber nicht in das gemeinsame Schlafzimmer, das sie mit Dana teilte. Sie wolte ins Einzelzimmer. Es war das erste Mal, dass sie sich wirklich nach Einsamkeit sehnte... Oder sie wollte ihren Gedanken nachgehen - ohne das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden. Und es waren viele Gedanken, die ihr gerade durch den Kopf schossen. Gedanken, von denen sie wusste, dass Dana und Steffi sie niemals gutheißen würden...
Sie hörte erneut Steffis und Danas Stimmen, dann blickte sie auf: "Tut, tut mir leid, ich... ich bin einfach nur müde.. Ich möchte ins Bett gehen. Ich möchte den Tag einfach nur vergessen..." "Klar, dein Bett ist gemacht, ich hab dir deine Lieblingsbettwäsche drauf gemacht. Wenn du magst, kannst du direkt in unser Schlafzimmer..." begann Dana, doch Jess unterbrach sie. "Sei mir nicht böse, Dana, aber ich möchte ins kleine Schlafzimmer. Ich, ich möchte alleine sein. Bitte.."
Dana und Steffi sahen sich an. Das schockte sie jetzt tatsächlich. Sie hatten es extra nach Jess' Entlassung aus dem Krankenhaus so eingerichtet, dass Jess mit Dana zusammen im gemeinsamen Schlafzimmer bleiben konnte. Und das, solange sie wollte. Gerade, damit sie NICHT alleine sein musste. Und jetzt wollte sie freiwillig dort raus? Und das, obwohl es ihr ganz und gar nicht gut ging? Das merkten sie doch, und Jennifer, die gerade weg war, hatte ihnen doch gerade noch nahe gelegt, auf sie aufzupassen...
Dana verstand es nicht, und sie war auch ein wenig gekränkt, um ehrlich zu sein. "Meinst du das wirklich ernst? Ich werde dich in den nächsten Stunden auch in Ruhe lassen, wenn du die haben willst. Ich komme erst heute Nacht irgendwann ins Bett..." "Das glaube ich dir ja, aber... Ja, ich meine es ernst. Ich weiß zu schätzen, was ihr für mich getan habt, wirklich; aber ich, ich brauche jetzt erst einmal Zeit und Raum für mich. Bitte! Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse. Ich liebe euch, dass wisst ihr, hoffentlich?" Und si stand vom Sofa auf, und blickte ihre Freundinnen beinahe ängstlich an.
Sowohl Dana als auch Steffi kannten den Blick, und konnten ihm nicht ausweichen. "Natürlich wissen wir das! Jess, wir lieben dich doch auch! Deswegen machen wir uns ja so große Sorgen!" erwiderte Steffi, dann war sie die erste, die Jess umarmte. Nach ihr kam Dana.
Nach einer Weile, in der die drei sich umarmten, lösten sie sich wieder voneinander, und Steffi sagte: "gerade weil wir dich so lieben, wissen wir nicht, was wir machen sollen. Das, was du da gerade gesagt hast, macht uns wirklich Sorgen! Du weißt hoffentlich, dass du keine Schuld an dem hast, was Lia vorhat zu tun. Es ist genau, wie Jennifer es gesagt hat: Lia ist für sich selbst verantwortlich! Und wir hoffen auch, dass die Polizei sie rechtzeitig von dem abhalten kann, was sie plant zu tun. Hörst du Jess, die POLIZEI! Niemand anderes!" Sie und auch Dana hatten Jess dabei angesehen.
Diese wusste, was die beiden vorhatten. Doch sie nickte nur. Sie wollte jetzt ins Bett. Und somit stieg sie die Treppen herauf. Dana seufzte. Sie kam hinter ihr her, und als Jess zuerst ins Bad ging, folgte sie ihr und fragte sie noch einmal, ob sie wirklich alleine schlafen wollte. Jess nickte nur, und so zog Dana die Tür hinter ihr zu, und begann, Jess' Bett mit Steffis umzutauschen. Und ihre Sachen in die Schränke zu räumen. Kurze Zeit später war sie fertig, und Jess konnte ins kleine Zimmer "einziehen". Sie umarmte Dana noch einmal kurz, dann sah sie ihr ins Gesicht: "Du bist mir nicht böse, oder?" fragte sie, beinahe ängstlich. Dana schluckte kurz, dann schüttelte sie den Kopf: "Nein, schon gut. Schlaf gut. Ich hoffe, morgen sieht alles ein wenig anders aus. Hab dich lieb." Damit ging sie herunter zu Steffi. Jess machte sich Sorgen. Sie wusste zwar, dass Dana gesagt hatte, dass sie ihr nicht böse wäre, aber glauben konnte sie ihr nicht. Zumindest war sie enttäuscht. Das konnte sie spüren.
Dennoch konnte Jess nicht anders. Sie brauchte Ruhe, Ruhe und Einsamkeit, um ihre Gedanken zu ordnen. In ihr war etwas gereift. Ein Gedankenkeim, der zu wachsen begann. Sie hatte noch keine wirkliche Ahnung, wie sie es anstellen sollte, das zu verwirklichen, was sie begann zu planen. Aber dass sie es irgendwann so in die Tat umsetzen würde, war ihr klar. Sie musste einfach! Es musste ihr gelingen, Lia zu finden, und sie davon abzuhalten, das unsagbar Schreckliche zu tun.
Nicht, dass sie es nicht nachvollziehen konnte, was Lia dachte. Das war es nicht. Es ging ihr nicht um diesen Kerl, von ihr aus sollte er sogar verrecken. Aber doch nicht durch Lias Hand! Es durfte nicht sein, dass Lia von Rache getrieben war, und selbst Hand an ihn legte. Und, was noch viel schlimmer war: Wenn ihr dabei etwas passierte? Er war doch so viel stärker als sie! Doch selbst wenn es ihr gelingen sollte, ihn zu finden und zu richten - dann fanden sie eventuell auch die Kommissare. Was, wenn sie erschossen wurde? Oder festgenommen? Die Justiz hatte kein Verständnis für Rache und Selbstjustiz. Das war schlichtweg Mord! Und für Mord gab es nur eine Strafe: Lebenslänglich! Das durfte nicht sein!
Auf die Idee, dass Lia eventuell gar nicht daran dachte, nach ihrer "Mission" weiterleben zu wollen, und selbst die Hand an sich zu legen, kam Jess gar nicht. Sie dachte nicht daran, dass Lia sich selbst richten würde, sobald sie IHN gerichtet hatte. Alles, woran sie dachte war, dass eventuell noch Rea etwas heraus gefunden hatte, oder noch heraus fand. Ansonsten musste sie es tun! Doch noch hatte sie keine Ahnung, wie. Wo sollte sie nur ansetzen? Sollte sie ebenfalls zu dieser Valerie? Doch da war Rea ja schon, wenn er etwas heraus gefunden hatte, würde er es doch bestimmt Jennifer sagen. Ob sie diese fragen sollte? Aber gleichzeitig wusste Jess auch, dass sie nicht auffällig sein durfte. Sie hatte jetzt und hier ihren Freundinnen schon zu viel verraten. Noch glaubten diese vielleicht, dass es ein dummes Hirngespinst von ihr war, das sie schnell wieder vergessen würde. Aber das war es nicht. Sie wollte ebenfalls auf Spurensuche gehen. Sie musste Lia finden! Und zwar vor allen anderen! Auch vor Rea! Und dann musste sie noch einmal versuchen, ihr ins Gewissen zu reden. Lia war doch keine Mörderin! Das durfte einfach nicht sein! Doch sie hatte - noch - keine Ahnung, wie sie es anstellen sollte. Und über diesen, doch recht anstrengenden, Gedanken schlief sie schließlich ein.
Sie bemerkte nicht mehr, wie einige Zeit später, ihre Freundinnen noch einmal zu ihr ins Zimmer blickten. Sie hatten sich natürlich Sorgen um sie gemacht, wie eigentlich immer, und schauten noch einmal nach, ob sie auch schlief. Als sie dies bemerkten, schlossen sie die Tür und liefen wieder nach unten. Es würden noch einige Gespräche auf sie zukommen, und vielleicht mussten sie auch wieder die Hilfe von Jennifer in Anspruch nehmen. Alleine wegen des vorhin gehörten. Aber erst mal brauchten sie beiden selber Ruhe. Und so machten sie den Fernseher an und versuchten zumindest, sich zu entspannen...

