Risiko

Rea hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Er war die ganze Zeit bei Lia gewesen, und hatte ab und an zu Jess herüber geschaut. Alec und Jennifer waren immer noch bei ihr, und waren ihr nicht von der Seite gewichen. Der Zustand der beiden jungen Frauen hatte sich nicht verändert, weder bei Jess noch bei Lia war irgend etwas geschehen, was Rea auf der einen Seite zwar erleichterte, aber dennoch beinahe wahnsinnig machte. Zumindest bei Lia müsste doch etwas passieren; er hatte ihr sein Blut gespendet, warum tat sich denn da nichts?
Während Rea noch darüber nachdachte, geschah plötzlich doch etwas, was er zuerst gar nicht richtig einschätzen konnte.
Er hatte sich wieder auf Lia konzentriert, und war kurzfristig erneut dazu übergegangen, für sie zu beten, als er ein merkwürdiges Geräusch vernahm, das er nicht deuten konnte. Es hörte sich an wie ein Schrei, der mit Würgegeräuschen einher ging, und es kam genau aus der Gegend von...

Rea drehte sich hektisch um. Er hatte Alec rufen hören, und genau in diesem Augenblick traten Ärzte in den Raum ein. Sie zogen den Vorhang zurück, der die beiden Zimmerhälften voneinander trennte und schoben sowohl Alec als auch Jennifer beinahe vom Krankenbett fort.
Jetzt konnte auch Rea erkennen, was dort geschah: Er konnte es kaum fassen; Jess' Körper "zitterte", sie war vollkommen verkrampft, und aus allen Poren trat Schweiß aus. Sie hatte bisher einen hochroten Körper gehabt, doch nun war sie nass, als wäre sie gerade aus der Dusche gestiegen, und hatte sich noch nicht abgetrocknet. Ihr Körper hob und senkte sich - sie drohte zu ersticken! Dann hörte Rea den Arzt rufen: "RAUS MIT DEM INKUBATOR! Sie erstickt! Zugang durch Luftröhrenschnitt - SOFORT!" Dann wandte er sich an Rea: "Hat die Frau Probleme mit Epilepsie? Ich brauche Informationen! Es geht jetzt um Minuten!"
Rea war vollkommen paralysiert. Zuerst starrte er einfach nur auf Jess, die immer noch krampfte - ja, es sah tatsächlich aus wie ein Epilepsieanfall - doch er wusste, dass Jess noch nie Probleme mit so etwas gehabt hatte. Schließlich war es Alec, der an der anderen Seite des Zimmers, an der Wand, stand und leise antwortete: "Nein, sie, sie hatte noch nie Probleme mit Epilepsie! Was, was ist das, um Himmels Willen?"...

Mittlerweile hatten die Ärzte und Schwestern Jess den Inkubator, der ihre Atmung übernommen hatte, entfernt, denn sie war tatsächlich kurz davor gewesen, diesen, im Krampf, zu zerbeißen und daran zu ersticken. Da sie immer noch nicht dazu in der Lage war, selbständig zu atmen, hatte man einen Luftröhrenschnitt an ihr ausgeführt und ihr eine kleinere Luftzufuhr gelegt, durch die sie wieder mit Sauerstoff versorgt wurde. Auch ihr Herzschlag war kurzfristig erneut aus dem Takt geraten, doch langsam beruhigte er sich wieder.
Rea wurde schlecht. Auch er fragte sich, was hier los war. Alec und Jennifer waren zu ihm getreten, und Jennifer fragte, aufs höchste besorgt: "Rea, geht es dir gut? Du siehst furchtbar aus." Die Worte reichten, um Rea aus der Starre "aufzuwecken", in die er kurzfristig gefallen war. Er sah zuerst Jennifer an, dann starrte er zu Jess und dann langsam zu dem Arzt herüber, der sich immer noch um sie kümmerte. "What is happening here? Was is das, for heaven sake?? Ich weiß nicks davon, dass Jess Epilepsie hätte, das is vollkommen absurd! Was is das here?" Rea war kurz vorm Durchdrehen, das merkten alle. "Ruhig, Rea.." versuchte es auch Alec, doch auch er war verzweifelt. Der Arzt kam langsam zu ihnen herüber, dann stand er vor ihnen und sagte: "Also gut, ich glaube Ihnen, dass es wohl keinerlei Vorbelastung in dieser Richtung gibt. Dann kann es nur eine Sache sein, die diese Reaktion ausgelöst hat: Es war ein Fieberkrampf. Das ist im Grunde so etwas ähnliches wie Epilepsie, nur dass es in Ausnahmesituationen, wie der Name schon sagt, bei extrem hohem Fieber, ausgelöst wird. Die Patientin liegt seit unbestimmter Zeit im Fieber, das immer weiter steigt, und dem wir nicht Herr werden können. Daher kann es passieren, dass Reize ans Gehirn weiter gegeben werden, die dieses nicht verarbeiten kann - und es kommt zu einer Reizüberflutung, im Grunde ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall. Zudem liegt der Körper in unnatürlicher Hitze.
Wir haben gerade noch einmal gemessen - es ist auf 41,9 Grad gestiegen; das ist die Höchstgrenze.. Es tut mir wirklich leid, aber ich muss Ihnen sagen, dass es wohl jetzt auf das Ende zugeht. Weiter darf das Fieber nicht steigen, es ist kurz vor der 42 Grad Marke - und wir haben alles versucht, um es herunter zu bekommen, aber, wie Sie ja schon wissen, ist immer noch sämtliche Drogenmenge in ihrem Körper, die wir ebenfalls immer noch nicht senken konnten... Es ist ein Teufelskreislauf, und ich gehe davon aus, dass die junge Frau in der nächsten Stunde sterben wird... Es gibt noch eine Möglichkeit, allerdings wäre das ein Versuch, von dem ich nicht sagen kann, ob es funktioniert - oder sie noch früher ihrem Schicksal entgegen bringt. Sie müssten die Entscheidung fällen, ob wir es versuchen sollen oder nicht..."

Weder Rea noch die anderen beiden waren in der Lage, etwas zu sagen. Die "Neuigkeiten" waren zu furchtbar. Mal wieder. Zuerst ein "Fieberkrampf", mit dem niemand gerechnet, und vor dem sie auch niemand der Ärzte hier gewarnt hatte, und nun noch die Gewissheit, dass sie Jess nicht mehr retten konnten!? Dass sie innerhalb der nächsten Stunde! - oder weniger - sterben würde?
Rea sackte an der Wand, an der er stand, zusammen. Das war zuviel für ihn. Vor noch nicht allzu langer Zeit war irgend etwas mit Lia geschehen, das er gar nicht richtig mitbekommen hatte, doch die Ärzte hatten sie gerettet und er war in der Lage gewesen, etwas dazu beizutragen, dass sie zumindest eine Chance hatte, zu überleben. Auch, wenn sich bis jetzt an ihrem Zustand noch nichts gebessert hatte, verschlechtert hatte es sich definitiv bisher auch nicht.
Doch was war das jetzt und hier mit Jess? Sie durfte nicht sterben! Rea hatte nicht wirklich mitbekommen, was der Arzt noch gesagt hatte, er war einfach zu geschockt und schlug die Hände vor sein Gesicht. Tränen kamen, er konnte es nicht verhindern.
Alec kniete sich zu ihm herunter und sagte nichts, er zog seinen Freund zu sich heran. Auch er war geschockt, und konnte erst einmal nichts sagen. Doch dann fiel ihm ein, was der Arzt noch zu ihnen gesagt hatte, und er blickte langsam zu ihm hoch: "Sie sagten, es gäbe noch eine Chance, und Sie bräuchten unser Einverständnis? Was ist das, Doktor?" Jetzt blickte auch Rea hoch, auch, wenn er gerade mal für einige Sekunden "weg" gewesen war, jetzt reagierte er wieder. "Yes, what? Was is das for eine Chance?"

Der Arzt sah zu ihnen herab und antwortete bedächtig: "Also; wie schon gesagt, wir haben alles uns mögliche getan, um zu versuchen, das Fieber zu senken und gleichzeitig die Drogenmenge in ihrem Blut herunter zu bekommen. Beides ist uns nicht wirklich gelungen. Nun hat die junge Frau eine Art epileptischen Anfall erlitten - und wir haben Medikamente gegen Epilepsie vorrätig. Allerdings sind diese sehr stark; wenn wir sie ihr verabreichen, kann das entweder zu sofortiger Besserung führen - zumal sie immer noch in etwas leichteren Krämpfen liegt, und diese Medikamente auch das Fieber senken - es kann aber auch zum SOFORTIGEN Tod führen, wenn ihr Körper diese Medikamente jetzt und hier nicht verträgt. Es ist Ihre Entscheidung; nur soviel: Wenn es so bleibt wie es jetzt ist, wird sie ohnehin sterben, die Frage ist nur, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Eine Stunde, oder eventuell auch zwei - oder wenige Minuten. Es ist Ihre Entscheidung..."
Die News waren ebenfalls ähnlich in der Wirkung wie der Einschlag einer Bombe. Sie hielten Jess' Leben in ihren Händen - doch wie viel konnten sie überhaupt noch für sie tun? Dieses Medikament konnte sie auf der Stelle töten, so viel hatte Rea verstanden. Es war eine Art Versuch, da Jess vorab noch nie Medikamente gegen Epilepsie erhalten hatte. Doch sie waren anscheinend als einziges in der Lage, ihr Fieber zu senken; weshalb Rea bereits fragen wollte, wieso sie nicht schon vorab auf die Idee gekommen waren, es mit diesen Medikamenten zu versuchen, aber dann war ihm klar, was er da dachte. Der Arzt hatte ja gesagt, dass eben diese Medikamente so stark waren, dass sie Jess auf der Stelle töten könnten.. Doch ohne eben diese Medikamente hatte sie ja wohl auch gerade noch höchstens eins bis zwei Stunden zu leben...
Es war beinahe ein Teufelskreis; doch sie hatten keine Chance...

Schließlich stand er auf und stellte sich an die Wand. Sein Blick wurde etwas klarer, und trotzdem sah man den Schmerz aus ihnen heraus, als er leise sagte: "Tun Sie es!" Alec sah ihn an und er spürte auch Jennifers Blicke auf sich. "Bist du sicher, Rea?" flüsterte Alec, und Rea nickte nur. Dann nickte der Arzt und sah zu einer Schwester herüber, und nannte die Menge des Medikamentes, das nun gespritzt werden sollte. Die Schwester nickte und Rea und die anderen sahen, wie diese aus dem Zimmer lief und wenige Sekunden später mit einer Spritze in der Hand wieder zurück kam.
Rea zitterte mittlerweile ebenfalls. Er, Alec und Jennifer standen an der Wand, und sahen zu Jess herüber. Die junge Frau krampfte immer noch. Nicht mehr so stark wie noch wenige Minuten zuvor, doch man konnte immer noch sehen wie ihr Körper sich hob und senkte, und wie sie zitterte. Der Schweiß stand ihr immer noch auf der Haut, ihr Körper war feuerrot. Ja, Rea, Alec und Jennifer konnten ebenfalls sehen, dass sie in den letzten Zügen lag - und dass es keine Stunde mehr dauern würde, bis ihr Körper ihr den Dienst versagen würde; und kaum dachten sie das, da geschah es: Sie hörten erneut ein Geräusch, das vor allem Rea nicht mehr hören wollte: Der Herzmonitor stieß einen lang gezogenen Ton aus, und der Arzt rief: "Kammerflimmern! Los, rein mit der Spritze, SOFORT!" Und während er begann, Jess zu reanimieren, stieß ein anderer Arzt ihr das Medikament in den Arm. Rea sank wieder in sich zusammen. Er konnte es nicht mehr ertragen. Auch Jennifer setzte sich neben ihn an die Wand, nur Alec blieb dieses Mal stehen und starrte zu Jess herüber: "Bitte, bitte nicht, Kleines.. Komm, du bist stark! Komm zurück!" flüsterte er, während er zusah, wie die Ärzte erneut versuchten, sie zu reanimieren. Rea hatte begonnen, leise zu beten, und Jennifer tat gar nichts. Keiner von ihnen wusste, wie viel Zeit vergangen war; Alec sah, wie die Ärzte einen Defibrillator hervor holten und sie mit Elektroschocks versuchten, wieder zu beleben. Auch er schloss die Augen. War es nun vorbei? Er wusste gar nicht mehr, wie oft Jess schon wieder belebt worden war, wenn man auch die Zeit vor drei Jahren mit einbezog.. Und dann jetzt, in ihrem Zustand? Er gab es auf. Sie war tot. Davon war er fest überzeugt. Und auch ihm kamen langsam die Tränen, je mehr Zeit verstrich, und es sich nicht abzeichnete, dass es den Ärzten gelang, sie wieder zurück zu holen...

Doch dann hörte Alec als erstes das erneute Geräusch des angehenden Herzschlagmessgerätes, der langsam wieder ein Tuten von sich gab. "Wir haben Sinusrhythmus.. Meine Güte, die Frau ist hartnäckig, das muss man ihr lassen... Also, ab jetzt Überwachung! Puls ist wieder da!"
Dann ging der Arzt zu Rea, Alec und Jennifer herüber. Rea wurde von Alec leicht angestoßen, da dieser immer noch in sich gekehrt und im Gebet versunken war und nichts mitzubekommen schien. Er schaute auf und sah den Arzt, dann blickte er beinahe panisch zu Jess herüber. "Es ist vorerst wieder alles in Ordnung, wir haben sie wieder. Anscheinend ist die junge Frau stärker als wir dachten. Doch nun kommt die Stunde der Wahrheit - das Medikament ist in ihrem Blut. Es kann wie gesagt das Fieber extrem stark absenken, und ihr innerhalb der nächsten halben Stunde zu normaler Körpertemperatur verhelfen - oder sie wird, durch eine schwere allergische Reaktion - innerhalb eben dieser halben Stunde, wenn nicht sogar schon früher, sterben. Noch einen Herzstillstand wird sie vermutlich nicht überleben und weiterhin steigendes Fieber, sollte ihr Körper nicht auf das Mittel reagieren, auch nicht. Sie können bei ihr bleiben, und gegebenenfalls Abschied nehmen, sollte letzteres eintreffen. Ich muss jetzt zum nächsten Patienten. Auf Wiedersehen." Mit diesen Worten ließen die Ärzte sie alleine.

Rea, Alec und Jennifer sahen ihnen hinterher. Sie waren zuerst wie vor den Kopf gestoßen, doch dann gingen sie langsam und mit wankendem Schritt zu Jess herüber. Auch, wenn Rea sich natürlich ebenfalls noch Sorgen um Lia machte, so waren seine Gedanken jetzt und hier vollständig bei Jess. Er verstand gerade erst, was der Arzt gesagt hatte: Die nächste halbe Stunde entschied also, ob sie Jess verlieren würden, oder ob sie zu ihnen zurück kam. Und das, nachdem sie gerade erst einen erneuten Herstillstand erlitten hatte - bei dem sie erneut, wie durch ein Wunder, dem Tode knapp entronnen war... Rea kniete sich vor Jess' Bett und hielt ihre Hand in seiner. Er küsste ihre schweißnasse Wange, und strich ihr über das immer noch heiße Gesicht. Noch sah es nicht so aus, als hätte sich eine Besserung eingestellt, aber der Arzt sagte ja etwas von einer halben Stunde!?
Sie mussten ausharren. Was auch immer jetzt geschehen würde, er musste bei ihr sein - und er hoffte inständig, dass in dieser Zeit nicht auch noch etwas mit Lia geschehen würde..
Die Vorstellung, dass ihnen jetzt und hier Jess unter den Armen wegsterben würde, war schon unerträglich, doch wenn auch noch mit Lia etwas geschehen würde, etwas schlimmes, das konnte er nicht aushalten. Doch noch hörte er bei Lia keine Veränderung, und solange blieb er bei Jess!

Auch Alec und Jennifer waren neben ihrem Bett. Sie alle drei saßen und standen einfach nur da und hielten Jess' Hände in ihren oder starrten sie einfach nur an. Die Stille zwischen ihnen war auch beinahe unerträglich, und alles, was zu hören war, war das stetige Piepsen des Herzmonitors. Wie früher, dachten alle gleichzeitig...
Die Zeit verrann, und irgendwann sah es zumindest so aus, als wenn Jess langsam ruhiger wurde. Sie zitterte nicht mehr, die Krämpfe schienen sich zumindest zu lösen. Wie viel Zeit tatsächlich verronnen war, wusste keiner von ihnen, niemand hatte auf die Uhr geschaut. Jess lag jetzt ruhig vor ihnen, doch sie atmete immer noch nicht selbständig, der einzige Unterschied zu früher war, dass sie jetzt durch den Schlauch beatmet wurde, der in ihre Luftröhre gebohrt worden war.
Rea musste schaudern, als er daran dachte, dass sie durch diesen verdammten Anfall beinahe erstickt wäre.. Er wusste nicht, wie oft er ihr schon durch ihr Gesicht und über ihre Haare gestreichelt hatte, einmal, weil er hoffte, sie würde ihn irgendwann spüren können - aber auch, weil er fühlen wollte, ob sie sich irgendwie kühler anfühlte, als vorher...
Zu Beginn hatte sich ihre Haut angefühlt, als würde sie kochen! Was wohl auch kein Wunder war, bei beinahe 42! Grad.. Und irgendwie hatte er schließlich tatsächlich das Gefühl, dass sie sich kälter anfühlte, auch die Haut am Körper sah nicht mehr so feuerrot aus, wie noch einige Zeit zuvor. Er hatte auch den Schweiß ein wenig von ihr "gewaschen", so dass sie nun tatsächlich ein bisschen "normaler" aussah, als zuvor.

Auch Alec und Jennifer registrierten es. "Das Fieber scheint zu sinken!" flüsterte Jennifer, und auch Alec nickte. Sie bekamen Hoffnung. Und plötzlich, weitere qualvolle Minuten später, änderte sich erneut etwas an den angeschlossenen Maschinen, die Jess' Herztöne und ihre Atmung überprüften.
Jess zuckte erneut zusammen und ihr Mund öffnete sich. Zuerst stöhnte Rea laut auf, weil er davon überzeugt war, dass es nun zu Ende sein würde. Doch das Gegenteil geschah; etwas, womit kaum noch jemand gerechnet hatte: Die Ärzte stürzten erneut ins Zimmer - und nahmen Jess' den Beatmungsschlauch aus dem Hals. Jess hechelte, und plötzlich registrierte Rea, dass sie die Augen offen hatte! Sie war aufgewacht!? "Is she awake? Is sie wach?" wollte er wissen, und wäre beinahe vorgestürzt, doch Alec hielt ihn zurück. "Lass die Ärzte machen, Rea! Es sieht so aus, als wäre sie aufgewacht!"
Sie starrten noch einmal zu ihr herüber. Jess hatte sich wieder zurück gelegt, aber es war nun eindeutig, dass sie wach war. Zumindest starrte sie an die Decke, und sie war anscheinend in der Lage, selbständig zu atmen! Die Ärzte gaben ihr noch eine Spritze; Rea wusste nicht, ob es dasselbe Medikament war, oder etwas anderes, und es lag ihm auf der Zunge, dies zu fragen, doch er wusste auch, dass er sich zurück halten sollte. Jess war aufgewacht, doch das hieß nicht, dass es ihr gut ging. Beileibe nicht. So wie sie im Augenblick aussah, war ohnehin die Frage, ob sie ihn und die anderen überhaupt erkennen würde. Und dann ihr seelischer Zustand? Nach dem erneuten Selbstmordversuch? Rea schüttelte es, als er daran dachte. Er musste mit ihr darüber reden, doch vielleicht jetzt noch nicht. Jetzt wollte er erst einmal, dass sie ihn erkannte, dass sie in der Lage war, mit ihm zu reden und zu sehen wo sie war; dass sie und Lia in Sicherheit waren... Ihm fiel auch wieder der Augenblick ein, als er sie beim letzten Mal gesehen hatte - und sie ihn! Als sie ebenfalls für kurze Zeit einmal wach war - und eine Art Anfall anderer Art bekommen hatte, mit sofortigem Koma und Herzstillstand. Das durfte nicht noch einmal passieren! Also musste er sich etwas zurück halten, auch, wenn es ihm denkbar schwer fiel...

Schließlich kam der Arzt erneut zu ihnen. Er blickte sie an und sagte: "So wie es aussieht, hat die Medikation Erfolg gehabt. Es war, wie schon gesagt, ein Risiko, aber ihr Körper hat das Medikament angenommen. Ihre Körpertemperatur ist bereits gesunken, sie liegt jetzt "nur" noch bei 38,9 Grad. Natürlich ist das immer noch zu hoch, aber im Vergleich zu vorhin, als sie an der Schwelle des Todes stand, ist das wesentlich besser. Und es hat dazu geführt, dass sie tatsächlich wieder erwacht ist.
Sie kann auch wieder selbständig atmen, wie Sie ja bereits gemerkt haben. Aber das heißt deswegen nicht, dass sie vollständig genesen ist. Das ist sie noch lange nicht! Ihr physischer Zustand ist immer noch kritisch. Das Fieber muss weiter sinken, noch mindestens zwei Grad runter. Deswegen haben wir ihr noch einmal eine kleinere Menge desselben Medikamentes verabreicht und ebenfalls noch einmal ein Medikament, das die Drogenmenge herab setzen soll. Das Problem besteht ja immer noch.
Also, um es noch einmal zu wiederholen: Sie ist immer noch nicht außer Lebensgefahr, aber es sieht schon besser aus. Was ihren psychischen Zustand angeht, bin ich nicht dazu in der Lage, diesen zu beurteilen, da ist wohl jemand anderes besser geeignet", er blickte Jennifer an. "Aber", fuhr er fort, "ich würde trotzdem den Tipp geben, ihr jetzt nicht allzu viel zuzumuten. Ihre Augen sind nicht klar und sie hatte vor nicht allzu langer Zeit eine Art Schockzustand, dieser darf sich ebenfalls nicht mehr wiederholen! Momentan ist - mal wieder - alles mögliche durch uns getan worden, sie atmet selbständig, und ihre Herztätigkeit wird langsam auch wieder normal. Gehen Sie zu ihr, wenn sie wollen, aber regen Sie sie ja nicht auf!" Damit verließen die Ärzte das Zimmer erneut.

Und wieder wussten Rea und die anderen nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Langsam gingen sie erneut an Jess' Bett; die vor noch nicht allzu langer Zeit zuerst mit dem Tode gerungen, und - mal wieder - gewonnen hatte; und nun tatsächlich erwacht war! Doch sie starrte immer noch vollkommen reglos an die Decke. Es sah nicht so aus, als ob sie einen von ihnen bemerkte, oder sich überhaupt darüber im Klaren war, wo sie sich befand...
Rea kniete sich erneut zu ihr und hielt ihre Hand in seiner, dieses Mal spürte er ein Zucken. Er schloss die Augen. War das nur ein Traum? Wenn ja, dann war es ein wunderschöner, denn endlich tat sich wenigstens bei Jess etwas, etwas Gutes! "Jess... Jess, Darling, ick bin es... Sieh mich an, Kleines, du bist here; you are safe!" flüsterte er, in der Hoffnung, so wenigstens eine Reaktion bei ihr auszulösen. Jess reagierte nicht. Sie starrte immer noch an die Decke, und langsam kam Jennifer an die andere Seite des Bettes. Auch sie versuchte, mit sanfter Stimme, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: "Jess, hey, alles ist gut, Kleines. Hörst du mich? Hörst du meine Stimme?" Es klang leise und ein wenig wie Musik..

Und langsam registrierte es auch Jess. Sie hörte die Stimme, doch sie konnte sie nicht einordnen. Woher kam sie? Und woher kannte sie sie? Sie hatte die Augen geschlossen, und ihre Atmung wurde wieder schneller. Es sah aus, als stünde sie erneut vor der nächsten Panikattacke. Natürlich bemerkten es Rea und die anderen, und auch ihnen trat erneut der Schweiß aus den Poren. "Jess", flüsterte Rea, doch Jennifer sah ihn nur an und er verstummte. Jennifer versuchte es erneut. Sie nahm dieses Mal Jess' Kopf sanft in ihre Hände und drehte ihn so vorsichtig es nur ging zu ihr herüber: "Kleines, sieh mich an. Mach die Augen auf, bitte! Es ist alles in Ordnung, du bist in Sicherheit! Und wir sind alle hier: Rea, Alec, ich... Du kennst mich doch sicher noch, oder? Ich bin es, Jennifer.." Sie wiederholte die Worte, immer und immer wieder - und irgendwann öffnete Jess ihre Augen tatsächlich...

Sie öffnete sie, und sah zuerst eine Person vor stehen. Doch auch dieses Mal erkannte sie diese nicht wirklich. Sie wusste nicht, wer diese war und wo sie war. Alles, was sie spürte war, dass sie nicht mehr an eine Wand gekettet war, und dass sie auch nicht mehr irgendwo lag...
Auch ihre Schmerzen waren besser geworden. Ihr war zwar furchtbar schlecht, und sie hatte Kopfschmerzen, weswegen sie auch wieder die Augen schloss, aber ansonsten schien es tatsächlich besser zu sein, wo auch immer sie war...
Erneut öffnete sie die Augen. Dann blickte sie ein wenig schärfer zu der Person hin, die sie die ganze Zeit ansprach. Ihr Herz klopfte zwar immer noch, da sie diese immer noch nicht erkannt hatte - dennoch bemerkte sie, dass es ein Frau war! Und dann konnte sie plötzlich erkennen, WER da vor ihr stand! "Jenn... Jenni...fer..." keuchte sie, kaum dazu in der Lage zu sprechen.
Diese war erleichtert. "Ja, Kleines, ich bin es! Und jetzt schau mal hier herüber", und sie führte Jess' Kopf langsam und vorsichtig zu Rea herüber, der auf der anderen Seite stand, Alec war hinter ihn getreten.

Jess erging es zu Anfang nicht anders als bei Jennifer. Sie "sah" die beiden Männer zwar, aber sie erkannte sie nicht. Und da es dieses Mal Männer waren, die sie sah, fing sie wieder leicht an zu hyperventilieren. Rea kniete sich erneut zu ihr herab: "Sch... Ich bin es, Rea! Kannst du mich nich erkennen? Bitte... I am so happy, that you are safe now! Please, seh mich mal ricktig an! Please!" Seine bittenden, ja beinahe flehenden Worte erreichten Jess schließlich. Und sie blickte ihm in die Augen. Diese sanften, weichen Augen, in denen die Verzweiflung so tief zu erkennen war...
Ja, sie erkannte ihn. "Rea.. flüsterte sie, und dieser nickte nur. Tränen traten aus seinen Augen, und er musste sich zwingen, sich zusammen zu reißen. Ihretwegen! Auch, wegen dem, was noch auf ihn, und Jess, zukommen würde. Sie wussten in der Tat nichts über ihren jetzigen Gemütszustand. Rea wusste, dass sie sich vorsichtig heran tasten mussten, was diesen anging, vor allem, was ihren erneuten Selbstmordversuch anging, den sie ja vor noch nicht allzu langer Zeit begangen hatte.. Sollte er sie darauf ansprechen? Nein, noch nicht, jetzt war es noch zu früh dafür, abgesehen davon, war ja nun genau deswegen Jennifer hier, um sich darum zu kümmern!

Doch mit dem, was nun geschah, hatte keiner von ihnen gerechnet. Jess blickte sich erneut um, dieses Mal machte es den Eindruck, als ob sie etwas mehr bei sich wäre. Sie erkannte langsam, wo sie war - in einem Krankenhaus? Anscheinend hatte man sie gefunden? Sie und vor allem...
Sie wurde blass. Ihr Gesichtsausdruck wechselte in einen Starreausdruck, und vor allem die Farbe des Gesichtes, die bis vorhin noch am ehesten mit tomatenrot zu beschreiben gewesen war, wurde beinahe farblos. Sie machte den dreien Angst. "Jess? What is going on?" fragte Rea auch schon, doch bevor er weiter fragen konnte, blickte Jess ihn beinahe erneut panisch an: "Wo, wo ist Lia?? Haben, haben sie die Leut.. gef...unden?..." stotterte sie, kaum in der Lage zu sprechen.

Rea, Alec und Jennifer starrten sie zuerst einfach nur an. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung, wovon Jess jetzt sprach. Und schließlich war es Jennifer, die langsam und bedächtig fragte: "Kleines, was genau meinst du damit?" Jess blickte sie an. Sie hatte noch nicht genug Überblick über den Raum, als dass sie Lia bemerken konnte, die direkt auf der anderen Seite in ihrem Bett lag. Es war ohnehin momentan zu viel um sie herum passiert.. Und sie fragte sich immer noch, ob das wirklich der Realität entsprach. Zudem noch die Schmerzen hinzu kamen. Dennoch versuchte sie, sich zusammen zu reißen, und blickte Rea an: "... sie, sie haben uns... in einem Wald oder so was, abgelegt..." das Sprechen fiel ihr schwer, aber sie hielt tapfer durch. "Ich.. ich war wach, kurz.. und ich, ich habe Lia.. gesehen, neben mir... Und dann, dann hab ich Stimmen gehört, da, da waren Stimmen, etwas weiter weg.. Ich, ich wollte Hilfe holen.. Da, da bin ich, bin ich hin.. Aber ich weiß nicht, ob ich die Leute er... erreicht habe.. ich hab plötzlich nichts mehr gespürt... Es, es tut mir leid... Ich, ich weiß nicht, wo Lia ist, wo ist Lia...? Ich glaub, es war ein Wald..." das letzte hatte sie geflüstert, die Schmerzen überrannten sie und sie begann erneut zu schwitzen.

Im Raum war es still geworden. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, wenn diese jemandem aus der Tasche gefallen wäre. Langsam kam das Gesagte in ihren Hirnen an. Doch keiner von ihnen konnte es zuerst fassen. Dann war es Jennifer, die es aussprach, was langsam alle begriffen hatten: "Sie hat den Fluss gehört - und es für Menschenstimmen gehalten! Deswegen ist sie in die Richtung gekrochen, weil sie Hilfe holen wollte; Hilfe für Lia und für sich..."
Auch Rea und Alec waren erstarrt. Wie konnten sie nur denken, dass Jess sich erneut etwas antun wollte? Wie konnten sie ihr das nur unterstellen? Rea hätte sich in diesem Augenblick in den Hintern treten können, für diese Gedanken. Zumal er ihr auch noch unterstellt hatte, dass sie Lia im Stich gelassen hätte - auch, wenn er ihr daraus natürlich keinen Vorwurf gemacht hätte. Aber das jetzt. Das war ein Schock für sie alle. Langsam kam es in ihren Köpfen an: Jess hatte ihr Leben für Lia riskiert, weil sie gedacht hatte, der Fluss, auf den sie zukroch, wären Menschenstimmen gewesen!
Dann hörten sie Jess erneut, ihre Stimme klang brüchig und leise: "Wo ist Lia? Wo ist sie?..." Rea riss sich zusammen und kauerte sich erneut neben sie: "Sch.. Kleines, alles gut! Lia is auck here! Siehst du, direkt neben dir!" Er zeigte hinter sich. Jess musste die Augen zusammen kneifen, ihr Blick war nicht sehr gut; sie konnte nur verschwommen sehen, das hatte sie in diesem Wald, oder wo auch immer sie da lagen, auch schon bemerkt. War es Lia, die dort lag? "Lia?", fragte sie und Rea nickte. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Thank you Girl! You saved her life! I thank you.. And we nearly thought..." Er stoppte und biss sich auf die Zunge. Er hörte noch ein zischendes "REA!" von Alec, doch es war bereits zu spät. Jess war langsam dazu in der Lage, etwas mehr in sich aufzunehmen, und von dem mitzubekommen, was um sie herum geschah. Daher bemerkte sie Reas Unterton, und dass er etwas versuchte, vor ihr zu verheimlichen. Und dann blickte sie von ihm zu den anderen. Sie wollte schon gerade fragen, was er hatte sagen wollen, doch dann wurde ihr plötzlich bewusst, was Jennifer vorab gesagt hatte: Dass sie einen Fluss gehört hätte - und nur dachte, es wären Menschen? Zuerst konnte sie es gar nicht glauben, doch dann wurden ihre Augen groß. Es passte irgendwie alles zusammen... Auch mit dem, wie Rea und die anderen sich gerade verhielten: War das vielleicht der Grund, weshalb Jennifer hier war? Weil sie gedacht hatten, sie...

Langsam wurden ihre Augen wieder matter. Sie drehte ihren Kopf auf die andere Seite und schloss die Augen, dann sagte sie: "Ja, sicher; was solltet ihr auch sonst von mir denken..."
Mehr sagte sie nicht, aber ihre Augen füllten sich mit Tränen. "Jess..." wollte Rea ansetzen, doch Jennifer schob ihn geradewegs zur Seite. "Jess; Jess, sieh mich an, bitte! Hey, mach die Augen auf, Kleines. Ja, ja, es ist wahr. Wir hatten kurzfristig die Angst, dass du dir etwas angetan haben könntest; aber das wäre in der furchtbaren Situation, in der du und auch Lia euch befunden hattet, durchaus verständlich gewesen! Wir hätten Verständnis dafür gehabt, niemand von uns würde dir deswegen einen Vorwurf machen, oder dich weniger lieb haben, verstehst du das? Und du wirst ja nun auch verstehen können, dass wir uns dementsprechend Sorgen deinetwegen machen...
Jess, wir wissen jetzt, dass es nicht so war, und das erleichtert uns ungemein! Aber deswegen ist noch lange nicht alles gut; ich weiß, dass du unglaublich schreckliches durchgemacht hast - und ich bin jetzt hier, um dir beizustehen. Wenn deine Seele nach Hilfe schreit, meine Kleine, dann bin ich hier, um sie dir zu geben. So wie früher, weißt du noch? Wir haben das schon einmal geschafft! Und wir alle sind dir unglaublich dankbar, für das, was du für Lia getan hast. Verzeihst du uns, dass wir dir etwas unterstellt haben, das zwar nicht undenkbar, aber in diesem Sinne völlig falsch war? Bitte verzeih uns!"

Sie hatte mehr als bittend gesprochen und schließlich öffnete Jess ihre Augen wieder. Man konnte ihre Gefühle in ihnen lesen: Traurigkeit und noch etwas: Enttäuschung. Aber gleichzeitig erreichten sie dennoch die Worte, die ihre ehemalige Therapeutin ihr zugesprochen hatte. Es war in der Tat nicht unmöglich, dass sie versucht haben könnte, sich wieder das Leben zu nehmen; und das war es nicht wirklich, was sie so dermaßen enttäuschte. Es war mehr das Gefühl, dass - vor allem Rea - ihr unterstellte, sie würde es tun, ohne sich um Lia zu kümmern.. "Ich, ich würde Lia niemals allei... alleine lassen, Rea.. Nie... Niemals..." flüsterte sie erneut, um Worte, und auch um Luft ringend.
Rea schluckte. Auch er fühlte sich mies. "Darf ich, bitte?" flüsterte er, an Jennifer gewandt, und sie ließ ihm den Vortritt. Die ersten wichtigen Worte, hatte sie gesagt. Mehr war jetzt und hier ohnehin nicht möglich. Rea trat ebenfalls an Jess' Bett und strich ihr erneut über die Wange. Sie war erneut etwas wärmer geworden. War das Fieber wieder gestiegen? Er musste sie beruhigen!
"Listen Girl, I'm sorry.. Ich hab mir Sorgen um dir gemackt.. Nach allem, was du bereits durchgemackt hast, dachte ich, diese Bastarde haben dich wieder in diese Situation gebrackt... Und es is wie Jennifer es dich gesagt hat: Ich wurde dir never, never eine Vorwurf daraus machen! Never! Ich, ich konnte mich nicht erklären, warum ihr beide in die selbe Gegend "abgelegt" wurdet; und just you wurdest in diese Fluss gefunden.. Das war meine einzige Erklärung dafor... Please forgive me! It is just my fault, I hate myself for that..."
"Das, das brauchst du nicht.." antwortete Jess leise. Sie blickte ihn an. Ihre Augen blitzten immer noch fiebrig, es war noch nicht vorbei. "Nicht, nicht hassen.. Ich, ich weiß nicht, was ich fühle.. Und wie ich weiter leben soll... Ich, ich weiß nicht mal ob die Kerle.. ich meine, da war so ein Kerl, ich glaube er hat mich... Es hat so weh getan.." Sie weinte und dann blickte sie plötzlich auf ihre Arme. Sie hatte sich bis jetzt gar nicht so wirklich angeschaut, so sehr war sie mit anderen Gefühlen beschäftigt gewesen, und damit heraus zu bekommen, ob das hier wirklich der Realität entsprach oder nicht.
Doch jetzt starrte sie minutenlang auf ihre verbundenen Arme, und dann kam es hoch. Der erste Erinnerungsschub; Rick, wie er das Messer in der Hand hatte, und ihr in die Arme ritzte, immer und immer wieder; und wie er auf ihr lag - und...

Jess kreischte auf und keuchte erneut. Rea blickte erneut panisch auf sie herab: "Jess! Jess, stay calm.. Sch... It is okay, everything is okay.. Stay calm, Dear... Nobody hurts you here and now! Everything is good.. Sch.." Jennifer versuchte es ebenfalls. Sie hatte noch etwas anderes verstanden, was durch Jess' Worte zu hören gewesen war, was Rea und wohl auch Alec nicht aufgefallen war: "Kleines, sieh mich einmal an, bitte! Ja, die Wunden hier sind real! Die Wunden an deinen Armen, und sie werden noch eine ganze Weile weh tun; das ist richtig! Aber alles andere, was du "siehst", ist nicht real, hörst du?! Wenn sich gerade jemand auf dich legt, oder in dich eindringt, dann ist das NICHT real, und das war es auch nicht! Niemand hat dich vergewaltigt, Jess! Du bist NICHT missbraucht worden; das waren und das sind Flashbacks! Hör auf meine Stimme, Kleines - es sind "nur" Flashbacks; keine Realität!" Während sie sprach war sie immer eindringlicher geworden, und sowohl Rea als auch Alec hörten selbst gespannt bis geschockt zu. Rea hatte kurz einmal einen Flashback miterlebt, und er war furchtbar gewesen; Alec hatte etwas mehr darüber erfahren, als Rea nicht da war; und nun schien sie erneut in so einer "Erinnerung" gefangen zu sein? Wann hörte das endlich auf?
Doch langsam wurde Jess wieder ruhiger. Es hatte etwas gedauert, doch schließlich hörte sie die Worte der Psychiaterin. "Er hat mich nicht..." "Nein, Jess. Das ist bewiesen. Du wurdest untersucht. Keine Vergewaltigung! Ich weiß nicht, was er alles mit dir gemacht hat, aber wenn du dich stark genug fühlst, dann werden wir erneut darüber reden. Ich bin für dich da, so wie früher! Aber ein erneuter Missbrauch ist ausgeschlossen! Wenistens das! Verstehst du?"

Jess verstand. Alles, was sie gedacht und gefühlt hatte, was DAS anging, war anscheinend nur Einbildung gewesen.. Mal wieder... Sie wusste, dass sie auch früher, innerhalb des Missbrauchs durch ihren Stiefvater, diese "Flashbacks" gehabt hatte, und nachdem ER sie erneut missbraucht hatte, vor drei Jahren, waren sie wieder gekommen.. Sie hatte die Hoffnung, dass es vorbei war, nach der erfolgreichen Therapie, durch Jennifer, und auch durch ihre weiteren Therapien, die danach folgten. Doch jetzt erinnerte sie sich wieder, dass sie auch von IHM die Erinnerungen gehabt hatte, als sie dort lag, und wohl dann weggetreten war.. Und ER war schon seit über 2 Jahren tot; also konnte sie es sich nur eingebildet haben, mal wieder...
Hörte es denn nie auf? Würde sie immer wieder "heimgesucht" werden? Die Verzweiflung überkam sie und sie weinte. Ihr war schlecht, und plötzlich überkamen sie furchtbare Bauchkrämpfe. Sie übergab sich, und kreischte vor Schmerzen.

Rea und die anderen waren geschockt. Rea raste hinaus und beinahe zeitgleich kamen die Ärzte auch schon wieder hinein. "Okay, jetzt raus hier! Oder sie gehen auf die andere Seite zu der anderen jungen Frau! Diese hier hat jetzt genug Aufregung gehabt! Wir geben ihr jetzt erneut Beruhigungsmittel, sie darf nicht mehr beansprucht werden. So wie es aussieht, hat sie eine Magenschleimhautreizung der besonders schweren Art; und die braucht jetzt einige Zeit um sich wieder zu entspannnen! Also, weg hier, alle!" Und sie wurden geradewegs in die andere Raumseite gedrängt, dann schloss der Arzt den Vorhang, der die beiden Seiten voneinander trennte, und Rea konnte nur noch durch eben diesen sehen, wie sich um Jess kümmerten. Er und die anderen beiden hörten Jess keuchen und stöhnen, und sie konnten sich nur vorstellen, wie stark ihre Schmerzen waren. Es musste grauenvoll sein. Zumal es noch einige Male zu hören war, wie sie ihren Mageninhalt, beziehungsweise den Magen selbst, nach außen würgte.. Dann ließ es schließlich nach, und Rea konnte nur hoffen, dass es nicht wieder zum Schlimmsten kommen würde.
Schließlich kam der Arzt doch noch zu ihnen und sagte: "Das Schlimmste ist überstanden, doch wir haben ihr noch einmal ein leichtes Schlafmittel geben müssen. Sie muss sich beruhigen und erneut einige Stunden schlafen. Ja, ich weiß", fügte er hinzu, als er in die besorgten Gesichter der anderen blickte, als diese "schlafen" hörten, "Sie denken vermutlich, dass sie genug geschlafen hat, aber dies wird ein anderer Schlaf sein, einer, der ihr gut tun wird. So, wie es aussieht, hat das Medikament tatsächlich angeschlagen; das Fieber sinkt weiter, langsam, aber stetig, und auch die Drogenmenge wird langsam besser. Also können wir ihr auch wieder etwas von einem leichten Beruhigungs- beziehungsweise Schlafmittel geben. Es wird ihr helfen. Sie wird jetzt ungefähr zwei bis drei Stunden schlafen, in der Zeit können Sie sich ja wieder der anderen jungen Frau widmen, und dann sehen wir weiter. Nur noch eins: Wenn Sie wieder zu ihr zurück gehen, dann BITTE ÜBERANSTRENGEN SIE SIE NICHT! Und jetzt, hoffentlich zum letzten Mal: Tschüss!"Und damit verschwanden die Ärzte wieder. Rea sah ihnen noch nach, dann ging er tatsächlich herüber zu Lia. Alec und Jennifer sahen sich an. Sollten sie bleiben? Doch dann entschieden sie sich dagegen. Lia war immer noch ohne Bewusstsein und sie war Reas Lebensgefährtin. Zu Jess konnten sie vorerst nicht, also kamen sie darin überein, erst mal eben diese zwei bis drei Stunden zusammen hinaus zu gehen. Etwas frische Luft konnte ihnen nicht schaden. Beide wussten, dass sie Rea nicht begleiten würde, also verabschiedeten sie sich kurz von ihm und sagten ihm, dass sie in ca. zwei bis drei Stunden wieder kommen würden. Sie baten Rea lediglich darum, ihnen bescheid zu geben, wenn sich an Jess' - oder auch an Lias - Zustand zuvor etwas ändern sollte...

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Christal, 31
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